Wissenschaftliche Literatur nachhaltig lesen

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Wissenschaftliche Literatur ist keine Belletristik. Sie zu lesen, macht Mühe. Diese Mühe lohnt sich mal mehr, mal weniger. Im Rückblick auf mein Studium erinnere ich mich an Aufsätze oder Abschnitte, die ich gerne festgehalten hätte. Jetzt wünsche ich mir manchmal, ich hätte sie bei der Hand, bzw. auf dem Tablet, um sofort wieder nachlesen zu können. Wiederholung ist ja bekanntlich die Mutter der Weisheit.

Der Wunsch, Gedanken festzuhalten, in die ich mich schon einmal vertieft habe, ist noch immer lebendig. Inzwischen habe ich ein paar Strategien gefunden, wie es gehen kann, dass Gedanken länger bleiben – mit oder ohne PC. Im Folgenden gebe ich ein paar Perspektiven.

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Literatur kontextualisieren

Um Literatur in einen Kontext einordnen zu können, braucht es einen ausgefalteten Kontext. Je differenzierter, desto klarer kann ich eine Erwartung formulieren: Ich erwarte von diesem Text, dass er mir in meiner gegenwärtigen Situation hinsichtlich dieser oder jener Frage weiterhilft. Mit einer derart aktiven Lesehaltung an einen Text heranzugehen, ist die Voraussetzung dafür, dass der Text auch zu mir spricht. Wer nicht fragt, kriegt keine Antwort. Soweit geht das einfach im Kopf.

Da mir Strukturen Sicherheit geben, habe ich die theologischen Fragen und Themen auch in einem hierarchischen System kontextualisiert (mehr dazu hier, wo ich den Aufbau des theologischen Forums von Bibel-FAQ.net beschreibe). Es ist in einer MindMap graphisch abgebildet und auf einem Ordnersystem in meinem Rechner umgesetzt. Indem ich einen Text ins pdf-Format gebracht und in den thematisch passenden Ordner verschoben habe, ist die Kontextualisierung vorerst abgeschlossen. Wenn ich später in meinen Wanderungen durch die theologischen Themen wieder an diesem Ort vorbeikomme, habe ich die nächste Gelegenheit, mich mit dem kontextualisierten Text erneut auseinanderzusetzen. Diesmal vielleicht mit anderen Fragen. Auf jeden Fall ist durch die Kontextualisierung garantiert, dass der Text in Beziehung tritt zu meinen persönlichen Fragen und somit ein emotional-biographischer Aspekt den Lerneffekt verstärkt.

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Literatur aktiv lesen

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Zum Lesen gehört zunächst, sich mit Durchblättern einen Überblick über die Struktur des Textes zu verschaffen: Welche Überschriften wurden gesetzt? (Beim digitalen Arbeiten mit einer pdf-Datei kann das Durchsehen der Überschriften damit einhergehen, dass in der pdf-Datei das Überschriftensystem über die Lesezeichenfunktion abgebildet wird. Das hilft später enorm, sich erneut im Text zurechtzufinden.) Lassen sich Besonderheiten in der Formatierung inhaltlich auswerten? Nach dieser ersten Orientierung lohnt es sich, erneut zu fragen: Ist dieser Text ein geeigneter Gesprächspartner für mich? Welche Abschnitte klingen besonders interessant? Vielleicht lässt die eine oder andere Überschrift bereits erahnen, in welcher Weise der Text das Problem entfalten wird? Habe ich demgegenüber ein Bauchgefühl?

Nun entscheidet die Zeit, die zur Verfügung steht: Habe ich genügend Zeit, den Text detailliert von vorne bis hinten zu lesen? Sind Auslassungen möglich, vielleicht sogar durch Kleindruck vorgeschlagen?

Wenn genügend Zeit da ist, sollten Anstreichungen vorgenommen werden. Fragen und Anmerkungen können am Rand notiert werden – auf dem Papier oder mit einer geeigneten App auch auf einem Tablet1. Ein Farbsystem anzuwenden, ist hilfreich. Es schließt die Struktur eines Textes graphisch auf und offenbart auch, wenn ein Text rhetorisch umständlich oder wenig stringent geschrieben ist. Mein Vorschlag für den Einsatz von Farben zur Farbmarkierung steht unter www.bibel-faq.net/farben. Digital mit pdf-Dateien zu arbeiten, hat den Vorteil, dass die Farbmarkierungen später verändert werden können. Einen wichtigen Text lese ich in einem Abstand von mindestens einem Tag noch einmal. Dabei lohnt es sich, eine Textkaskade (gestuftes Exzerpt; s. u.) anzufertigen. Habe ich allerdings eine pdf-Datei durch Farbhinterlegungen des Originaltextes strukturiert, reicht ein Abstract. Brauche ich es detaillierter, schaue ich sowieso wieder in den markierten Text.

Ist nur wenig Zeit vorhanden, entscheiden die Notizen, die ich während des Überfliegens auf einem Extrablatt mache, und die ich mitnehme, wenn über den Text gesprochen wird. Dann wird die Situation offenbaren, ob und wie tief ich mich vielleicht später doch noch einmal in den Text vertiefen muss.

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Literatur (auch für andere) aufbereiten

Wenn ich mit Menschen über einen Text sprechen möchte, den die anderen nicht selbst gelesen haben, ist es notwendig, ein Einstiegsmedium mitzubringen. Das kann eine MindMap zum Text sein, ein Abstract, ein Lesereport, eine Präsentation oder ein Thesenpapier.

Ich kann mir auch vorstellen, dass es funktioniert, Texte für andere mitzulesen und ein (gestuftes) Exzerpt mit gewissen Strukturvorgaben zu erstellen. Eine Studiengruppe könnte sich beispielsweise die Lektüre eines Sammelbandes teilen. Solch ein Exzerpt ist mehr als ein Einstiegsmedium, kann aber als solches verwendet werden, da ein Abstract das Exzerpt zusammenfasst.

MindMaps

  • MindMaps bieten den Vorteil, dass komplexe Themen in ihren Bezügen auf einer Fläche visualisiert werden können. Je stichwortartiger (und deshalb knapper) die MindMap, desto überblicklicher. Je mehr Text verarbeitet wird, desto mehr nähert sich eine MindMap an das Exzerpt an.2 Exzerpte sind aber kein Einstiegsmedium mehr. Wie MindMaps funktionieren, hat Ralf Senftleben3 unter www.zeitzuleben.de ausführlich erklärt.
  • MindMaps können natürlich per Hand auf einem A4-Blatt im Querformat oder mit MindMapping-Software (Freemind [kostenfrei], Mindjet [für PC kostenpflichtig, für Mobilgeräter kostenfrei]) erstellt werden.

Abstract & Lesereport

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  • Ein Abstract ist eine sehr kurze Inhaltszusammenfassung in ausformulierten Sätzen, die einen Einstieg in den Text ermöglicht, indem die Gedankenführung des Textes präfiguriert wird. Ein Abstract verhält sich zum Text wie die Landkarte zur Landschaft: Es ist unverzichtbar, um (wiederholt) zielgerichtet mit einem fremden bzw. in Vergessenheit geratenen Text arbeiten zu können. Knappe Würdigungen und Kritik ist in einem Abstract möglich.
  • Prof. Dr. Jens Herzer von der Theologischen Fakaltät Leipzig beschreibt, wie ein Abstract auf die Diskussion in Seminaren hin optimiert werden kann und nennt dies einen Lesereport. Herzer definiert4: „Lesereports sollen die wesentlichen Aspekte eines Textes zusammenfassen, damit die Grundposition im Seminar eingebracht und kritisch diskutiert werden kann. Nur durch eine schriftliche Darstellung mit eigenen Worten kann sichergestellt werden, dass man das Anliegen, das Problem und das Ergebnis eines Textes erfasst hat. Randnotizen und Unterstreichungen reichen dafür nicht aus, sondern sind vielmehr eine Voraussetzung für die Erstellung einer eigenen Zusammenfassung. Der Lesereport dient also der eigenen Ergebnissicherung wie auch der Gesprächsfähigkeit im Seminar. Er sollte aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht mehr als eine Seite umfassen. NB: Ein Lesereport ist kein Exzerpt, bei dem mit oft ausführlichen Zitaten ganze Passagen dokumentiert werden. Das bedeutet freilich nicht, dass nicht auch kurze, markante Zitate in einen Report aufgenommen werden können. Ein Report sollte nach folgendem Schema gegliedert werden:
    1. Was ist die Fragestellung bzw. das Ausgangsproblem?
    2. Welche These wird formuliert?
    3. Wie wird argumentiert bzw. mit welchen Argumente wird die These begründet?
    4. Zu welchen Ergebnissen kommt der Autor?
    5. Offene Fragen“

Präsentation

(Powerpoint-)Präsentationen können sehr unterscheidlich eingesetzt werden.

  • Wenn es darum geht, einen komplexen Sachverhalt so zu entwickeln, dass ein Zuschauer oder Leser nach seinem eigenen Tempo optimal lernen kann, könnte ein Entwicklungsbild (www.bibel-faq.net/entwicklungsbild) erstellt werden.
  • Wer Zeit hat und gern bastelt, kann weitere Präsentationsmedien mit hohem Erinnerungswert produzieren. Interessant ist Prezi (www.prezi.com) oder die Produktion eines Lehrvideos.

Thesenpapier

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Das Folgende ist frei wiedergegeben aus einem Hinweisblatt meiner Kollegin Annette Graeber aus Leipzig.

  • Eine These (von gr. thesis – Behauptung) ist eine Aussage, deren Richtigkeit behauptet wird, aber nicht offensichtlich ist. Thesen bedürfen des Beweises oder Beleges. Darin unterscheiden sie sich von (unstrittigen) Tatsachenaussagen (z.B. „Der Psalter ist die im Neuen Testament am häufigsten zitierte alttestamentliche Schrift“).
  • Das Formulieren von Thesen ist ein wichtiger Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens und kann in verschiedenen Situationen gefordert werden: Im Zuge der Erarbeitung eines Aufsatzes werden Argumentationslinien und Standpunkte durch Thesen zusammengefasst und in prägnanter Weise wiedergegeben. Bei Diskussionen im Seminar können die wichtigsten Gedankengänge thesenartig festgehalten werden. Im Rahmen von Referaten oder der Verteidigung einer wissenschaftlichen Arbeit verdeutlichen Thesen die Position des Referenten sowie Ergebnisse und Bedeutung der Arbeit und eröffnen dadurch die Diskussion. Je nach „Einsatzgebiet“ können Form und Aufbau der Thesen und die Vorgehensweise bei ihrer Formulierung variieren.
  • Thesen sind idealerweise …
    • kurz und bestehen aus vollständigen Sätzen mit einfacher Satzstruktur.
    • prägnant und beinhalten zugespitzte, z. T. auch provokante Behauptungen.
    • keine Allgemeinplätze (z.B. „Die Verfasserschaft der Pastoralbriefe ist umstritten“).
    • keine Aufzählung von Fakten (es sollte auch das Formulieren von Gegenthesen möglich sein). Thesen interpretieren Fakten oder stellen Zusammenhänge zwischen Fakten her.
    • klar von ihrer argumentativen Begründung getrennt.
    • sachlich und distanziert (nicht in Ich-Form formuliert).
    • allgemeingültig.

Wie man ein Thesenpapier erstellt:

1. Materialsammlung

  • bei fremden Aufsätzen: Lesen des Aufsatzes, Herausarbeiten der Argumentationsstruktur
  • bei Diskussionen: Protokollieren der wichtigsten Gesprächsgänge
  • bei der Vorstellung/Verteidigung einer eigenen Arbeit: Zusammenstellen der Argumentationsgänge und Ergebnisse

2. Strukturierung

  • den Stoff ordnen, mehrere Aussagen zusammenfassen, die Reihenfolge der Aussagen bestimmen
  • Fragen, die beim Strukturieren helfen können:
    • Welche (methodischen) Vorüberlegungen sind nötig?
    • Was ist die Grundannahme? Wo lässt sie sich zeigen?
    • Welche Aussagen sind als Unterthesen zu kennzeichnen?
    • In welchem größeren theologischen Kontext steht das Thema?
    • Wo wäre Kritik zu üben?

3. Formulieren

  • den Wortlaut der Aussagen präzisieren (s. o.)
  • Hauptthesen nummerieren, Unterthesen hierarchisieren

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Textkaskade (gestuftes Exzerpt)

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Das Literatur- und Wissensmanagementprogramm Citavi erlaubt es, gestufte Exzerpte so zu erstellen, dass die dadurch gewonnenen strukturellen Möglichkeiten verwendet werden können (Verschlagwortung, Zuordnung von Textteilen zu bestimmten Projektphasen). Wie das funktioniert, steht unter www.bibel-faq.net/citavieren. Ein Beispiel dafür findet sich auf der Seite www.bibel-faq.net/mk.

Wer Citavi nicht nutzt, kann ein gestuftes Exzerpt auch in einem gewöhnlichen Textverarbeitungsprogramm imitieren. Dazu kann diese Vorlage verwendet werden. Die Strukturvorgaben finden sich in der Vorlage5. Der Download führt zu einem zip-Archiv mit folgenden Einzeldokumenten:

  • pdf-Ausdruck der Vorlage-Datei
  • Vorlage im .dot-Format (für Word empfohlen)
  • Vorlage im .doc-Format (für open office empfohlen, falls .dot nicht funktioniert)

Allen, die mit pdf-Bearbeitungsprogrammen arbeiten und darin Text mit verschiedenen Farben markieren können, empfehle ich, anstatt des gestuften Exzerpts den Text sorgfältig zu markieren, der pdf-Datei durch Lesezeichen ein Inhaltsverzeichnis beizugeben und lediglich ein Abstract zu verfassen (s. o. unter »Literatur aktiv lesen« und www.bibel-faq.net/farben)

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Letzte Aktualisierung: 8. Januar 2013, Stephan Rehm.

  1. Für das iPad wäre meine Empfehlung, den pdf Expert von Readdle zu benutzen. Kostenpflichtig (etwa 10€), aber sehr leistungsfähig.
  2. Der Vorteil der Übersichtlichkeit kann durch graphische Hervorhebungen erhalten werden. Wenn jedoch zuviel Text benötigt wird, sollte besser ein Fließtext-Exzerpt verwendet werden.
  3. Er betreibt seit 1998 gemeinsam mit Tania Konnerth (bis 2011) und Judith Wischhof, Nicole Alps und Mathias Rudolph (seit 2011) eine Internetplattform und gehen dabei „eher psychologisch-wissenschaftlich an unsere Themen heran und weniger spirituell oder esoterisch“ (aus dem Impressum).
  4. Der Text ist frei übertragen von einem Arbeitsblatt aus meiner eigenen Studienzeit.
  5. Ein Dokument mit der der Endung .dot bzw. .dotx ist eine Word-Vorlage. Man öffnet das Dokument wie ein normales Worddokument, muss es aber unter einem neuen Namen speichern. Die Vorlage kann so nicht durch Überspeichern verlorengehen.

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