Am Montag traf ich nach einem Bach-Konzert meinen emeritierten Professor für Altes Testament. Ich fragte ihn, was er jetzt, unabhängig von Forschung und Lehre, aus einer freieren Perspektive auf die Theologie sähe. Wir sprachen über das Verhältnis von dogmatischer und biblischer Theologie und darüber, ob Gott transzendent (mit eigenem Sein unabhängig von der Welt) oder immanent (in den Gedanken der Menschen) zu denken sei. Er legte mir wohlbekannte Texte wie 2Mo 3,14; 1Mo 4,3-7, die Hiobgeschichte mit Aspekten aus, die ich vorher so noch nicht gesehen hatte, und sagte wiederholt, Gott sei für ihn das »Unverfügbare«, der Inbegriff von »Kontingenz«. Transzendente Aspekte des Gottesbildes gebe es für ihn nicht.
Hm. Damit bin ich aus meinem Bauchgefühl heraus nicht so ganz einverstanden. Die Gedanken, die sich an dieses Gespräch anschlossen, erspare ich mir aufzuschreiben, und versuche gleich, eine Art Ergebnis zu formulieren, denn das ist eine heiße Frage. Seine Sicht auf die Dinge hat einiges an Plausibilität für sich. Gottes Wirken durch die Bibel vollzieht sich sprachlich, und genau das ist die Methode, durch die die meisten Christen, die ich kenne, ihren Glauben gegenüber sich selbst, gegenüber anderen und gegenüber Gott kommunizieren. Für Sprache braucht man keine Transzendenz. Was einigen Christen fehlen wird, ist der Aspekt, dass Gott geschichtsmächtig wirkt (nicht zuletzt in der Auferstehung von Jesus), und dass er als Person ansprechbar ist. Nun, Gott bleibt auch als das »Unverfügbare« ansprechbar, es lässt sich lediglich nicht so leicht vorstellen, mit welchem Neutrum man da spricht. Stört mich das? Ja.
Was nun? Sächliches »Unverfügbares« oder offenbarte »Persönlichkeit«? Meine Antwort ist: Beides. Von Gott als Inbegriff der Kontingenz zu reden, öffnet meine Dialogfähigkeit hin zu Agnostikern und Atheisten. Und, mal ehrlich: Kein Mensch hat Gott je gesehen (Joh 1,18). Wenn ein mir lieb gewordenes Vorbild wie mein Professor so denkt, traue ich es mich auch – um derjenigen willen, die nicht (wie ich) in die Christlichkeit hinein geboren wurden. Es eröffnet interessante Denkmöglichkeiten.
Brauchen wir dann etwa Gott nicht mehr, wenn er eigentlich vielleicht sogar »nichts« ist? Das möge nicht gedacht werden! Denn: Wir Menschen sind von Zuwendung abhängig. Von Zärtlichkeit, von Worten, von redlichen Gedanken. Gott symbolisiert diese Zuwendung, zuerst in der Erschaffung der Welt und der Menschen, dann im Auszug Israels aus Ägypten, dann in Jesus Christus. Menschen haben sich durch das, was in religiösen Traditionen von Gott gesagt wurde, motivieren lassen, Zuwendung zu vermitteln. Menschen sind auf diese Logik Gottes angewiesen. Jeder, der schon einmal Liebe erfahren hat, weiß etwas von Gott. Von Gott im Allgemeinen.
Mein Gott ist durch das, was Menschen in der Bibel von ihm bezeugen, für mich konkret. Das bedeutet nicht, dass die Bibel und speziell das Christusgeschehen für alle eine Frohbotschaft sein muss. Manche können damit vielleicht auch einfach nichts anfangen. Und dass ich dank meiner kontingenten Biographie (es hätte auch anders kommen können!) mit der Bibel etwas anfangen kann, ist kein zwingendes Argument dafür, dass das alle können; Gott im Allgemeinen bleibt »unverfügbar«! Aber für mich ist es nun einmal so, dass ich mit der Bibel und aus ihrer Gottesvermittlung an mich lebe. Es bleibt allerdings nicht bei einer Bibelreligiosität. Gott erweist sich (aus meiner Perspektive), indem ich Begebenheiten meines Lebens als Gottes Wirken deuten kann. Deshalb ist Gott für mich definitiv mehr als nichts. Aus meiner Perspektive wirkt Gott. »Religionspsychologisches Kunststück« mögen Skeptiker sagen. Meinetwegen. In einer Demokratie zählt jede Meinung.
Meine Meinung und Erfahrung ist: Gott ist mehr als »nichts«. Ich rechne damit, dass Gott in Dimensionen des Seins existiert, die ich noch nicht mal erahnen kann. Insofern ist Gott auch nicht einfach »etwas«, denn »etwas« lässt sich in der Regel kontrollieren und beschreiben. Gott lässt sich begrifflich nicht fassen. Dabei sollte ich es belassen, und – anstatt über Gott wie von einem Ding – lieber wieder von Gott reden:
- Gott ist mir zwar unverfügbar, aber die Sache mit Gott geht mich etwas an, weil man mir schon einmal Liebe erwiesen hat.
- Ich bin froh, dass es in der Bibel ziemlich konkrete Bilder und Worte dafür gibt, wie sich Gottes Liebe erweist.
Ich nutze diese Bilder gerne, denn sie sind konkret. Der Christus der Bibel lässt mich leben, und die Auffassung, dass Gott das Unverfügbare sei, lässt mich so denken, dass alle mitdenken können. Also los!
