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- Charakteristik
- Die Ptolemäer- und Seleukidenherrschaft (-323 bis -164)
- Die Makkabäer- bzw. Hasmonäerherrschaft (-164 bis -63)
- Die Vorherrschaft der Römer (ab -63)
- Herodes der Große, die Herodessöhne und die römischen Präfekte (-37 bis 41)
- Palästina als „Neues Herodesreich“ unter Agrippa I. (41 bis 44)
- Palästina unter den Prokuratoren und Agrippa II.; der jüdische Krieg (44 bis 70)
- Folgen des jüdischen Krieges und der letzte Aufstand unter Bar Kochba (70/73 bis 135)
- Einschneidende Ereignisse der Neutestamentlichen Zeitgeschichte (tabellarisch)
Charakteristik
Die Ereignisse der Zeit, in der die Schriften des Neuen Testaments entstanden, sind eingebettet in Zusammenhänge, die sich vom Auftreten Alexanders des Großen (-333) bis zur endgültigen Ausweisung der Juden aus Palästina im Anschluss an den Bar-Kochba-Aufstand (135) entwickeln. Während dieser Zeit erlebte die südliche Levante verschiedene Herrschaftsformen, die jeweils mit einem eigenen Akzent in das erste Jahrundert hineinwirken bzw. dieses Jahrhundert direkt prägen:
Die Ptolemäer- und Seleukidenherrschaft (-323 bis -164)
Sowohl das Ptolemäer- als auch das Seleukidenreich gehen auf jeweils einen „Diadochen“ (Ptolemaios bzw. Seleukos) zurück, die als Feldherren Alexanders des Großen auch dessen Reich „erbten“. Die Ptolemäer hatten bis 200 v. Chr. die Vorherrschaft über Palästina inne; während dieser Zeit entstand in Ägypten (v. a. Alexandria) eine bedeutende jüdische Diaspora, aus der später der jüdische Gelehrte Philo von Alexandrien hervorging. Unter Ptolemaios II. Philadelphos (-282 bis -246) wurde hier die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt: Als Septuaginta (LXX) stand diese Übersetzung des Alten Testaments fast allen neutestamentlichen Autoren vor Augen.
Nachdem die Seleukiden in Palästina die Macht übernommen hatten, entstand eine andauernde Spannung zwischen den liberaleren „Hellenistenfreunden“ unter den Juden und einer gesetzestreuen Opposition („Chassidim“). Als Antiochos IV. Epiphanes 167 v. Chr. im Zuge eines Religionsediktes den Tempel schändete (Ferkelopfer, Zeusaltar im Tempel) und die Ausübung der jüdischen Religion zugunsten einer radikalen Hellenisierung Jerusalems verbot, führten Judas Makkabäus und seine Söhne einen Guerilla-Aufstand. 164 v. Chr. konnte der Tempel wiedereingeweiht werden; das jüdische Chanukka-Fest (kalendarisch in der Nähe des christlichen Weihnachtsfestes) geht auf dieses Ereignis zurück. Als allerdings der Makkabäer Jonathan 152 v. Chr. das Hohepriesteramt usurpierte, kommt es zum Konflikt zu jüdischen Priesterkreisen, die sich aus Protest als Essener von Jonathan, dem „Frevelpriester“ absondern.
Die Makkabäer- bzw. Hasmonäerherrschaft (-164 bis -63)
Die Tendenz, die eigene Macht zu zementieren, setzt sich mit dem Makkabäer Simon (-142 bis -134) fort, der sich als erblicher Hoherpriester zusätzlich den Ethnarchen-Titel sichert. Das so entstandene Hasmonäer-Königtum zeichnet sich in der Folge durch moralische Fragwürdigkeit aus (Korruption, Intrigen, Thronfolgewirren): Simons Nachfolger Johannes Hyrkan I. (-134 bis -104), der als militärische Erfolge die Eroberung und Judaisierung Idumäas im Süden und Samarias im Norden vorweisen kann, begünstigt die hellenistenfreundliche Tempelaristokratie („Sadduzäer“), was wohl die Sammlung der gesetzestreuen Opposition in der Partei der „Pharisäer“ nach sich zieht. Diese werden von Alexander Jannäus (-103 bis -76) mitunter derart grausam verfolgt, dass das eigene Volk die frühere Besatzungsmacht der Seleukiden zu Hilfe ruft.
Die Vorherrschaft der Römer (ab -63)
Angesichts der Thronstreitigkeiten unter den Hasmonäern entscheidet nach 63 v. Chr. der neue Herr Palästinas, der römische Feldherr Pompeius und in der Folge die römische Administration über die Herrschaftsverhältnisse: Judäa untersteht formal dem römischen Legaten der Provinz Syrien. Zunächst wechseln die Einfluss-Sphären aufgrund der instabilen Verwaltungsstrukturen häufiger; schließlich gelingt es aber dem idumäischen Statthalter Antipater, ausgestattet mit dem römischen Bürgerrecht und dem Ethnarchen-Titel, auch die Herrschaft über Judäa zu erringen. Er erwirkt 43 v. Chr. für das Judentum das einzigartige Privileg, als religio licita anerkannt zu sein: Juden sind fortan vom Militärdienst und von der Loyalität den römischen Göttern gegenüber befreit! Nach dem Vergiftungs-Attentat auf Antipater heiratet sein Sohn Herodes die Tochter des Hohepriesters Mariamne, um in Judäa als Juda anerkannt zu werden.
Herodes der Große, die Herodessöhne und die römischen Präfekte (-37 bis 41)
37 v. Chr. zum Alleinherrscher in römischer Abhängigkeit aufgestiegen, gelingt es Herodes durch eine geschickte, intrigante und grausame Politik, als eine Art „Anwalt“ das Land vor den Römern zu vertreten und durch Baumaßnahmen zu einer äußerlichen Blüte zu führen: Er gründet Städte, baut Festungen und restauriert vor allem den Tempel, indem er dessen Areal erweitert und durch eine Säulenhalle und eine breite Freitreppe ergänzt. Er wahrt jüdische Interessen, indem er keine anstößigen Münzen prägt und keine heidnischen Symbole in Jerusalem duldet.
Das von Herodes gesäte Misstrauen entlädt sich nach seinem Tod im Jahr 4 v. Chr. in mehreren Blutbädern. Seine teilweise in Rom erzogenen Söhne Archelaos (Idumäa, Judäa, Samaria), Herodes Antipas (Galiläa) und Philippus (Südwest-Syrien) erben das Reich. Archelaos wird allerdings bereits im Jahr 6 aufgrund von Grausamkeit verbannt; ihn ersetzen römische Präfekte1, um sein Gebiet zu verwalten. Die Hoheit in religiösen Angelegenheiten geht auf Herodes Antipas über, so dass Jesus nach Auskunft von Lk 23,1-12 während der Passion zunächst dem Präfekten Pilatus und dann Herodes als religiösem Herrscher vorgeführt wird. Ebenfalls im Jahr 6 ergeht vom syrischen Legaten Quirinius der Befehl zu einer Volkszählung in Judäa, woraufhin sich mit den Zeloten unter der Führung von Judas, dem Galiläer, bewaffneter jüdischer Widerstand organisiert. Unter den Präfekten tut sich der prominente Pilatus als besonders grausamer Herrscher hervor, was sich beispielsweise in der blutigen Niederschlagung einer Wallfahrt zum Garizim im Sommer 36 zeigt. Der Hass der Juden auf die Römer wächst weiter, nachdem Kaiser Caligula im Jahr 38 eine aufgrund von Ausschreitungen in Alexandria gebildete Gesandtschaft unter Führung Philos in Rom versetzt und im Jahr darauf im Jerusalemer Tempel ein Kaiserstandbild installieren möchte. Aufgrund des Todes Caligulas gelingt es dem syrischen Legat Petronius, die Wogen zu glätten.
Palästina als „Neues Herodesreich“ unter Agrippa I. (41 bis 44)
Agrippa I., ein Enkel Herodes des Großen, wusste seine Beziehungen nach Rom zu nutzen und errang mit Unterstützung des gerade gekürten Kaisers Caligula im Jahr 37 das Herrschaftsgebiet des Philippus, danach, 39, aufgrund einer Intrige das Gebiet des Herodes Antipas und 41 als Dank dafür, dass er Claudius unterstützt hatte, auch die Herrschaft über Judaä. Er ist römisch-hellenistischer Herrscher, förderte Tempelkult und Pharisäismus, um die Juden günstig zu stimmen. Wohl zu diesem Zweck erscheint er der Urgemeinde gegenüber wohl eher als Verfolger (Apg 12,1-17).
Palästina unter den Prokuratoren und Agrippa II.; der jüdische Krieg (44 bis 70)
Nach dem Tod Agrippas I. im Jahr 44 wird Judäa römische Provinz und als solche von römischen Prokuratoren beherrscht. Im Jahr 50 überträgt Claudius dem Sohn Agrippas I., Agrippa II., die Hoheit über die religiösen Angelegenheiten, später auch einzelner Gebiete. Wie sich an seinen Beziehungen2 zeigt, ist er eher Römer als Jude.
Dem jüdischen Krieg ging eine Reihe von antijüdischer Agitation römischerseits voraus. Prominent ist die Ermordung des Theudas durch Prokurator Cuspius Fadus (44-46), der als Wundertäter mit einigen Anhängern zum Jordan gezogen war, um dort wie Josua das Wasser zu spalten. Im Jahr 62 kommt es zu Spannungen zwischen Hellenisten und Juden um eine Synagoge bei Cäsarea. Als der Prokurator Gessius Florus (64-66) wieder einmal die Zwangszahlungen an Rom erhöhte und in diesem Zusammenhang einen Teil des Tempelschatzes forderte, kam es zum bewaffneten, anfangs erfolgreichen Widerstand vonseiten der Juden. Auf Ausgleich und Diplomatie bedachte Juden wie der ehemalige Hohepriester Ananias ben Nedebaios (47-59) wurden ermordert. Einer der jüdischen Heerführer war dabei der spätere jüdische Historiker Josephus Flavius. Nachdem der römische Feldherr Vespasian 69 zum Kaiser ernannt worden war, führte sein Sohn Titus die Kämpfe weiter und schleifte im Jahr 70 Jerusalem und den Tempel. Die Menora wurde geraubt, die Priesterschaft getötet. Im Jahr 73 wurde die letzte jüdische Bastion in Masada mit Hilfe einer langjährig aufgeschütteten Rampe eingenommen, nachdem die dort verbliebenen Kämpfer Massenselbstmord begangen hatten.
Folgen des jüdischen Krieges und der letzte Aufstand unter Bar Kochba (70/73 bis 135)
Nach dem verlorenen Krieg identifizierte sich das Judentum mehr denn je durch Abgrenzung. Weil Kaiser Vespasian die Ansiedlung von Juden in Jerusalem verboten hatte, brauchte man eine starke gemeinsame Glaubenstradition, um die jüdische Identität zu behalten. Rabbi Jochanan ben Sakkai verlegte den Sanhedrin3 nach Jawne, wobei im Jahr 72 die rabbinischen Pharisäer die Führungsrolle übernahmen. Obwohl deren Lehre der Tora-Auslegung Jesu recht nahe stand, gab es unüberwindliche Spannungen sowohl zu den hellenistischen als auch zu den jüdischen Christen. Beide Gruppen wurden um 100 durch einen Zusatz im Achtzehnbittengebet als „Ketzer“ vom Judentum ausgeschlossen. Etwa zur gleichen Zeit stellte der Sanhedrin die Kanonizität der Bücher des Alten Testaments fest.
Nachdem es bereits 114/115 in der jüdischen Diapora Ägyptens, Zyperns und Mesopotamiens zu Aufständen gekommen war, stand in den Jahren 132 bis 135 Simon Ben Koseba mit dem Beinamen Bar Kochba (= Sternensohn, Num 24,17) auf, den Rabbi Akiva als Messias proklamierte. Er eroberte Jerusalem und prägte eigene Münzen; Kaiser Hadrian schlug den Aufstand aber blutig nieder und verfolgte die Juden bis zu seinem Tod 138: Juden durften Jerusalem nun nicht einmal mehr betreten; die Beschneidung wurde verboten. Jerusalem wurde als „Aelio Capitolina“ neu erbaut; Judäa erhielt als „Syria Palästina“ Provinzstatus.
Einschneidende Ereignisse der Neutestamentlichen Zeitgeschichte (tabellarisch)
| um -250 |
Übersetzung des TNK ins Griechische → Septuaginta (LXX) |
| -167 bis -164 | Syrische Religionskrise (Tempelentweihung & Makkabäer-Aufstand) |
| -142 bis -63 | Eigenstaatlichkeit Judäas während der grausamen und intriganten Hasmonäerherrschaft |
| -43 | Judentum wird religio licita |
| -37 bis -4 |
Herrschaft Herodes des Großen |
| 6 | Zensus des syrischen Legaten Quirinius → Entstehung der Zeloten → zunehmend belastetes Verhältnis zu den Römern |
| 39 bis 41 |
Caligulakrise |
| 66 bis 70/73 |
Jüdischer Krieg |
| 132-135 | Bar-Kochba-Aufstand |
Letzte Aktualisierung: 17. März 2014, Stephan Rehm.
- Ein „praefectus civitatis“ ist ein ranghoher römischer Beamter zur Verwaltung von Gebieten, die noch nicht der römischen Provinzverwaltung zugeteilt waren. ↩
- Agrippa II. lebt mit seiner Schwester Berenice im Inzest. Diese wird später die Geliebte des Kaisers Titus (79-81). Seine andere Schwester Drusilla ist mit dem Prokurator Antonius Felix (52-60) verheiratet. ↩
- Der „Hohe Rat“ (re-hebraisiert von griech. „Synhedrion“) war lange Zeit die oberste religiöse, politische und juristische Instanz des Judentums. ↩