Was steht im Neuen Testament? (Inhaltszusammenfassung)

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Die inhaltliche Hauptaussage des Neuen Testaments mit Einführung in die systematisch-theologischen Grundbegriffe sowie mit Verweis auf die relevantesten Bibelstellen1

Darlegung – Was steht im NT?

0 – Grundlegung

Grundlegend für das Verständnis des Neuen Testaments ist

  • (a) die naheliegende Beobachtung, dass es auf der Erde den Menschen (Anthropologie2) gibt, der faszinierendes Potential hat, dessen Leben trotzdem aber nicht optimal funktioniert. Biblisch ausgedrückt: Die Menschen sind in Sünde3 verstrickt [Harmartiologie; Röm 3,19-20.23; 1Joh 1,8] und damit grundsätzlich beeinträchtigt im Hinblick auf ihre Fähigkeit, ihr Leben mit Gelingen zu führen. Von der Sünde beherrscht handeln sie eher wie unfreie Sklaven, anstatt dass sie die Freiheit nutzen, die eine Bindung an Gott mit sich bringt.
  • (b) die nicht ganz so naheliegende, im Zuge der Entstehung des Alten Testaments (sacra scriptura4) historisch gewachsene und in der Gotteslehre formulierte Beobachtung, dass es nur einen Gott gibt (5Mo 6,4-5; 1Kor 8,6): JHWH (sprich: Adonai, griechisch: κύριος [sprich: Kyrios]), den Gott Israels (Gotteslehre), der allmächtig und heilig (Offb 1,8; 4,8), »Licht« und »Liebe« (1Joh 1,5; 1Joh 4,16) genannt wird.

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1 – Christologie & Soteriologie

Das Neue Testament berichtet nun davon, wie die durch die Sünde existierende Entfremdung zwischen Menschen und Gott überbrückt wird: Das zentrale Thema dabei ist das Wirken und Geschick des Jesus von Nazareth. Er wird als der von den Juden erwartete Messias (griechisch: Christus – ein Titel, mit dem politische Erwartungen verbunden waren) bezeichnet, dessen Kraft sich allerdings entgegen der Erwartung in der Kraftlosigkeit offenbart (Christologie, Mk 1,7-8; Mk 8,29; 15,39; Joh 1,1.14; Röm 1,1-4; Apg 9,22; Phil 2,6-11):

  • Christus existierte bereits vor Erschaffung der Welt (Präexistenz, Kol 1,15). Der Autor des Johannesevangeliums bezeichnet Christus als „Wort“, das paradoxerweise „bei Gott war“ und gleichzeitig „Gott selbst war“ (Joh 1,1).
  • Weil Gott die Welt liebte, hat er Christus in die Welt gesandt (Inkarnation; Joh 3,16). Das „Wort“ wurde durch die Inkarnation „Mensch“ (Joh 1,14). Dadurch gehört Christus sowohl auf die Seite Gottes als auch auf die Seite der Menschen (451, Chalcedon: „Zwei-Naturen-Lehre“)5.
  • Die Inkarnation erfolgte so konsequent, dass Christus auch das Leiden und den Tod menschlicher Existenz durchlitten hat (Phil 2,8; 1Kor 15,3).
  • Christus wird in der Auferstehung (Lk 24,5-6; 1Kor 15,4-8) von Gott erhöht und mit Gottes Namen (κύριος, Phil 2,11) gekrönt (Inthronisation; 1Tim 6,15; Offb 1,5-6; 19,16), so dass schlussendlich von Christus wie von Gott geredet wird (Joh 10,30; 1Kor 8,6; Hebr 13,8):

Christus löschte als Lamm Gottes (1Kor 5,7; 1Petr 1,18-19; Offb 5,6-10) und Hoherpriester, der gleichzeitig der sündlose Mitfühlende (Hebr 4,15) und die personifizierte Sünde (2Kor 5,21) ist (Stellvertretung), ein für allemal (Hebr 7,26-27) den „Rechtsanspruch“ des Todes (Kol 2,14-15), der jedem Menschen aufgrund seiner Sünde durch das alttestamentliche Gesetz Gottes vor Augen gestellt ist (Röm 7,5-6).

Somit vermittelte Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung allen Menschen die Erlösung (Mk 10,45) und das Heil6, indem er sie vom Tod rettete. Die zentralen Aussage der Soteriologie sind: Christus starb für uns (Röm 5,8-10; 1Kor 11,23-25). Gott und die Welt sind miteinander versöhnt (2Kor 5,19). Wenn getauft wird, so wird der soteriologische Effekt des Christusereignisses, der grundsätzlich für die ganze Welt gilt, auf den einzelnen Menschen angewendet (Apg 2,38; Gal 3,26-28; Röm 6,3-4).

Nebenbemerkung: Dass wir diese Gedanken in Gestalt des Neuen Testaments zugespitzt vorliegen haben, verdanken wir der Tatsache, dass man seit der frühesten Zeit der Kirche über theologische Positionen stritt – seitdem bringt jede Zeit ihre Irrlehren hervor, von denen sich die Kirche distanziert. Aus diesem Mechanismus heraus ist der neutestamentliche Kanon erst entstanden.

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2 – Pneumatologie & Ekklesiologie

An dieser Stelle ist vom Neuen Testament her ein sachlicher Wechsel von der universalistischen Perspektive zu der des Individuums zu vollziehen: Wir wirkt sich die Versöhnung der Welt durch Christus auf den einzelnen Menschen aus? Wen der Heilige Geist (Pneumatologie; Röm 8,14) durch Verkündigung, Lehre u. a.7 (Röm 1,16-17; 1Kor 15,3-11) dazu bringt, diese Zuwendung Gottes zu den Menschen durch Christus für sich persönlich als Grundlage seiner Weltdeutung zu akzeptieren (Glaube; Mk 16,15-16; Hebr 11,1), der …

  • … wird in der Taufe neu erschaffen (2Kor 5,17): Dem Rechtsanspruch des Todes abgestorben, lebt der Mensch, weil der auferstandene Christus in ihm lebt (Gal 2,20). Er ist nun nicht mehr sündiger Mensch im Gegenüber zu Gott, sondern als Kind Gottes (Gal 3,26) Mitglied in Gottes Familie; er gehört damit unmittelbar zu Gott. Alle anderen (weltlichen) Identitätsbestimmungen8 (Geschlecht: Mann / Frau, Ethnie: Jude / Grieche usw.) sind der Mitgliedschaft in Gottes Familie gegenüber nachrangig, denn Christus ist Identitätsgeber (Gal 3,27-28) und Kraftquelle (1Kor 1,18). Die Menschen werden unverdient um des Glaubens an Christus willen von Gott als gerecht angesehen (Rechtfertigung: Röm 3,21-24; Eph 2,8-9). Der Taufschein ist die „Quittung“ für dieses Geschehen, das seinen Grund in der Person Jesus Christus hat.
  • … wird von Sünden und Bindungen befreit (Vergebung; Apg 2,38; 2Kor 3,6.17; Eph 1,7) und von Verletzungen geheilt (Lk 15,11-32; Jak 3,13-16)
  • … ist heilig (1Petr 2,9), wird mit einem unvergänglichen Körper auferstehen (1Kor 15,42.44.51-52) und hat ewiges Leben (Joh 3,16)
  • … wird sich auf Grundlage des neuen Seins9 und in strikter Abhängigkeit von Christus (Joh 15,5) in seiner Gesinnung und seinen Handlungsweisen verändern (Heiligung) und bessere Gewohnheiten ausbilden (Ethik; Gal 5,25; Röm 8,12-13)
  • … wird eingebunden in das Reich Gottes, in die Gemeinde (Ekklesiologie; Apg 2,42-47; 1Kor 12,13; Kol 1,18a; Eph 1,22-23; Eph 4,15). Diese Einbindung ist funktional durch das jeweilige „Charisma“ (Gnadengabe; 1Kor 12,4-6; 1Kor 13,13) bestimmt, welches der Heilige Geist einem Christen zueignet. Je nachdem, wie stark die Funktionalität des Charismas in die Struktur einer Gemeinde eingreift, ist der Übergang zu bestimmten Ämtern fließend (2Kor 5,18.20).

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3 – Eschatologie

Die eben geschilderte Weltdeutung ist für das ganze Neue Testament im Hintergrund zu denken. Jedoch fragen die realen Gegebenheiten in der Welt eine solche Sichtweise an: Obwohl die Gnade Gottes allen gilt, glaubt offenbar nicht jeder an Christus. Besonders plausibel ist das hinsichtlich der Ethik: Es ist bei weitem nicht so, dass sich alle Menschen so verhalten, wie es für glaubende Menschen konsequent wäre: Gott zu lieben und den Mitmenschen, zu denen sie eine Beziehung haben, ebenfalls gerecht zu werden (die eigene Person eingeschlossen). Deshalb ist innerhalb des Neuen Testaments ein zweiter Perspektivwechsel zu konstatieren: den von der Ebene der christlich-theologischen „Theorie“ zur Ebene der „Praxis“ der Welt. Gottes neue Welt ist inmitten der irdischen Welt einerseits schon jetzt gegenwärtig, andererseits aber noch nicht vollständig zu erkennen – gerade angesichts der mitunter existentiellen Anfeindungen der Christen vonseiten des römischen Staates (Röm 8,24-25; 1Petr 4,12-13; „Wer [die Anfechtung] überwindet …“ in Offb 2 – 3). Deshalb geht es im Neuen Testament schließlich auch um die endgültige Offenbarung Gottes am Ende der Zeit als eindeutig erkennbaren Beleg der allumfassenden Herrschaft Gottes (Eschatologie): Christus wird wiederkommen (Parusie), wobei kosmische Katastrophen (Lk 21,25-27) und entfesseltes teuflisches Wirken (2Thess 2,3-4; Offb 12,12) vorhergehen werden, er wird das Böse endgültig vernichten (Offb 19,6), sich mit der Gemeinde vereinigen (Offb 19,7) und die Welt (auf)richten10 (1Kor 3,11-15; Offb 20,12-13) und erneuern (2Petr 3,13; Offb 21,3-4).

Dass die Parusie Christi entgegen der Erwartung (1Thess 4,15; Röm 13,11-12; 15,51) ausblieb (Parusieverzögerung), wird mit Verweis auf die Geduld Gottes begründet (2Petr 3,8-10; 1Tim 2,4) und soll durch Wachsamkeit (Mt 24,42-44) und effiziente Zeitnutzung (Eph 5,16; 2Tim 4,1-4) kompensiert werden. Je größer aber der zeitliche Abstand zwischen der Auferstehung und der Wiederkunft Christi wurde und wird, desto deutlicher erkennbar waren und sind die damit verbundenen Probleme:

  • Unverbindlichkeit gegenüber dem Christusbekenntnis und den Gemeindeversammlungen (Hebr 10,23-25)
  • ethische Laxheit (Gal 6,10; Offb 2,5)
  • Anfechtung durch unverschuldetes Leiden und politische Bedrängnis (1Petr 4,12-13)
  • Anpassungsdruck in der intellektuellen Auseinandersetzung der Christen mit geistigen Strömungen anderer Herkunft (z. B. 1Tim 2,12 gegenüber 1Kor 11,5)

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Aus diesen Grundlinien der Eschatologie lassen sich drei dialektische Sachverhalte herauslösen, deren einzelne Prinzipien jeweils zueinander in unauflöslicher Spannung stehen. Es ist sehr wichtig, diese Spannung nicht einseitig aufzulösen. Passiert das, kommt man leicht zu Extrempositionen, die von der beziehungsorientierten Weltdeutung mit Gott im Zentrum absehen, und stattdessen wieder den Menschen mit seinen (meist egoistischen) Partikularinteressen ins Zentrum rücken. Die Sachverhalte sind…

  • … das Ineinander von menschlicher („fleischlich“) und göttlicher („geistlich“) Wirkungssphäre/Wirkungsprinzip:
    • Jesus trägt gleichzeitig menschliche und göttliche Züge (Joh 1,1.14)
    • Der Glaube wird vom Heiligen Geist in einer Person ohne Ausschaltung der Menschlichkeit gewirkt (Gal 2,20a; Phil 3,12).
    • Die Kirche existiert real als Gottes Neue Welt, ist aber gleichzeitig irdische Institution und als solche nicht immun gegen die Sünde (Mt 13,24-30).
  • … das „schon jetzt“ und das „noch nicht“ der Offenbarung
    • Jesus ist bereits jetzt unangefochtener Herr der Welt (Offb 1,17-18), aber noch nicht eindeutig als solcher erkennbar.
    • Der Glaubende ist immer noch sündhaft, aber bereits als gerecht angesehen11 (Röm 7,22-25).
    • Der Durcheinanderbringer/die Sünde/der Tod ist bereits besiegt, hat aber immer noch Macht (Offb 12,12).
  • … das ethische Dilemma, dass sowohl die radikale Jüngerethik Jesu als auch die alltagstaugliche Ethik der Goldenen Regel plausiblerweise Handlungsmaxime eines Christen sein können:
    • Gilt es eher (wie Mk 8,23-27 par.), „sich selbst zu verleugnen“, um heute unter Preisgabe aller Konventionen das Reich Gottes verkünden zu können, oder wäre es eher geboten, im Sinne der Goldenen Regel (Lk 6,31) und des Doppelgebots der Liebe (Mk 12,28-34 par.) „den Nächsten zu lieben wie mich selbst“, um eine verlässliche Lebensgrundlage auch für kommende Generationen zu schaffen?
    • Gilt es eher, um der Mission willen inmitten der Welt zu leben und um Anknüpfungspunkte zu den Völkern aller Welt (Mt 28,19) bemüht zu sein, oder den Rat von Kol 3,1-4 zu befolgen und hinsichtlich der eigenen Vorhaben zwischen »himmlisch« und »irdisch« zu unterscheiden, um allein das himmlische zu wählen?
    • Ist es im Augenblick gerade besser, irdischen Ordnungen verhaftet zu bleiben (1Kor 7,8-9) oder diese bewusst zu relativieren (Hebr 13,14)?

009

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Das Ganze noch einmal in Kürze

  • Gott und die Menschen sind „zerstritten“.
  • Weil Gott die Menschen liebt, schickt er seinen Sohn in die Welt, damit er durch sein Leben zeigt: Gottes wendet sich den Menschen zu. Nachdem er hingerichtet wurde, hat Gott ihn auferweckt. Dadurch wurden Tod und Sünde ein- für allemal besiegt; die neutestamentlichen Autoren bezeugen: Gott erweckt zum ewigen Leben.
  • Menschen werden dieser Tatsache gewiss, indem sie glauben. Wer glaubt, wird für immer aus Christus leben und – gemeinsam mit allen anderen Glaubenden (das ist die Kirche) – Christi Willen entsprechend handeln.
  • Das alles ist schon jetzt Realität, wird aber erst am Ende der Zeit ausnahmslos für alle erkennbar sein. Die damit gegebene Spannung ist unauflösbar, kann dadurch aber alle Glaubensschattierungen integrieren.

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und noch kürzer …

… und ganz mit biblischen Worten (beides zitiert nach der Übersetzung »Hoffnung für Alle«):

  • „Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16).
  • „Gottes Liebe zu uns ist daran sichtbar geworden, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, um uns durch ihn das Leben zu geben. Das ist das Fundament der Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden zu uns gesandt hat.“ (1Joh 4,9-10)

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und noch als Entwicklungsbild …

Die Entwicklung des Schemas ist in einer pdf-Datei besser sichtbar. Bitte hier downloaden: Klick!

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Bibelkunde mit Bibelstellen

Die meisten der hier herangezogenen Bibelstellen (und auch noch andere) kannst du mit dem Bibelverse-Trainer (mehr unter www.bibel-faq.net/bibelverse-trainer – klick!) gezielt lesen, vertiefen oder auswendig lernen. Auf den Zoomstufe-1-Ausarbeitungen der neutestamentlichen Bücher findest du außerdem Stellen des jeweiligen Buches, die es gut charakterisieren bzw. seinen Inhalt zusammenfassen …

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Letzte Aktualisierung: 11. April 2016, Stephan Rehm.

  1. Es lohnt sich, möglichst viele dieser Bibelstellen auswendig zu kennen, a) um mit Worten der Bibel argumentieren zu können und b) um ein Gefühl für die sprachlichen Eigenheiten der einzelnen Bücher zu erwerben. Mehr dazu findest du auf der Seite zum Bibelverse-Lesebuch!
  2. Was ist der Mensch? Anstatt in die philosophische und theologische Anthropologie einzuführen, wage ich hier eine pragmatische Bestimmung des Menschseins: Was ein Mensch ist, welche Identität er hat, ist in gewissen Bereichen weitgehend festgelegt (Mann/Frau, Ethnizität usw.), in wesentlichen Teilen aber auch veränderbar. Menschen entwickeln sich. Sie reagieren auf die eigene Selbstwahrnehmung („Sein“) und beeinflussen mit der Reaktion („Tun“) die Selbstwahrnehmung des nächsten Moments. Aus diesem Grund ist in der schematischen Darstellung zu diesem Text dem Menschen ein kreisförmig gebogener Doppelpfeil als Symbol zugeordnet. Ein Entwicklungsbild (Was ist das?) zu der Frage, was der Mensch ist, findest du hier: klick!
  3. Sünde“ bedeutet zunächst einmal „Zielverfehlung“: Das Leben der Menschen erreicht sein Ziel nicht, nämlich das heilvolle Leben in Gemeinschaft mit Gott. Statt dessen sterben die Menschen, oft auch aufgrund menschlichen Versagens. So ist der Begriff Sünde nicht in erster Linie moralisch, sondern zuerst einmal seinsmäßig zu verstehen: Die existentielle Einbindung des Menschen in die Welt, sein „Sein“ inmitten seiner Beziehungen (zu allererst die Beziehung zu Gott), ist beschädigt. Daraus resultieren moralische Verfehlungen, so dass „Sünde“ – als zweites – auch die Gesamtheit der „Tatsünden“ bezeichnen kann. Einzelne Tatsünden werden als „Sünden“ bezeichnet.
  4. Der Locus „sacra scriptura“ als Lehrstück der systematischen Theologie hat nicht nur das Alte Testament, sondern die Bibel Alten und Neuen Testaments im Blick. Hauptsächlich ist zur Schrift zu sagen, dass in ihren Autoren Gottes Geist wirkte (2Tim 3,16; 2Petr 1,19-21), dass die Schrift zuverlässig (Mt 1,22) und beständig (Mt 24,35) ist.
  5. Die genannten Bibelstellen sind die biblische Grundlage für die spätere kirchliche Lehrbildung.
  6. Was bedeutet es, dass die Menschen „geheilt“ werden? Die Heilung der Menschen, die in Sünde verstrickt sind, besteht darin, dass die „natürlichen“ Beziehungen im Seins- und Rechtssinn wieder hergestellt werden: Die persönliche Beziehung zu Gott, die Beziehung zu sich selbst und die Beziehungen zu den Mitmenschen, ebenso wie die Einbindung in Gottes neue Welt. Dem Menschen wird das Sein in Gerechtigkeit zugeeignet, und so wird der Mensch von Gott als gerecht angesehen und kann seinerseits seinen Beziehungen gerecht werden.

    Anselm von Canterbury (1033-1109) hat die Soteriologie so ausgelegt, dass Gott sich in Jesus Christus ein Opfer gesucht habe, das Genugtuung leiste für den Schaden, den die sündigen Menschen auf Gottes Kosten angerichtet haben. Nach Anselm opferte Gott sich also selbst; die Heilung der Menschen besteht dann darin, dass ihr „Konto“ wieder gedeckt ist und sie ohne Angst vor Gottes Zorn leben können. Weil diese Erklärung ein Gottesbild impliziert, bei dem Gott aus Zorn und aus Notwendigkeit der Genugtuung mordet, ist Anselm Deutung oft kritisiert worden.

    Modernere Auslegungen des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu im Hinblick auf die Heilung der Menschen kommen ohne den Genugtuungs-Gedanken aus:

    • Jesu Inkarnation und Leben zeigen den Menschen, dass Gott nach ihnen sucht.
    • Jesus zeigt mit seinem Tod nicht nur, dass die Menschen durch die sie beherrschende Sünde bereit sind, Gott zu ermorden, sondern auch, was Gott um der Menschen willen zu leiden bereit ist.
    • Schließlich zeigt Jesu Auferstehung, dass der Tod gegenüber Gott machtlos ist. Für die ersten Christen war das der Erweis dafür, dass Jesus Recht hatte, als er in menschlicher Gestalt den Anbruch von Gottes neuer Welt inmitten der irdischen Welt verkündete.

    Dass die Menschen im rechtlichen Sinn in dieser neuen Welt Gottes integriert sind, hat Paulus in Röm 6 auf den Begriff gebracht: Der Rechtsanspruch der Sünde gegenüber den Menschen ist gestorben; rechtlich gültig im Hinblick auf das Sein eines Menschen ist sein Taufschein, der die Zugehörigkeit der Menschen zu Gott quittiert.

  7. Verkündigung und Lehre sind für Menschen zugängliche Handlungsfelder, die in entsprechenden Zweigen der Theologie untersucht und gelehrt werden: Exegese, Kirchengeschichte, Systematik & Praktische Theologie (Predigtlehre, Seelsorgelehre, Gemeindeleitung, Gottesdienstgestaltung, Katechetik & Religionspädagogik, Kasualien, Diakonik). Da sich der Heilige Geist dieser menschlich verantworteten Arbeitsbereiche bedient, kann das Wirken von Gott und Mensch auf der Erde nie ganz sauber getrennt werden.
  8. das Sein des Menschen muss nicht mehr durch das eigene Tun konstituiert werden, sondern wird von Gott gesetzt. Siehe auch Anmerkung 2.
  9. Wer die Zuwendung Gottes programmatisch seiner Weltdeutung zugrundelegt, wird seinen Selbstwert nicht mehr aus den eigens vollbrachten (Wohl-)Taten beziehen, sondern weiß, dass der eigene Selbstwert unabhängig von der eigenen Leistung durch die Zugehörigkeit zu Gott konstituiert wird: In der Taufe erschafft Gott einen Menschen neu und Christus wird zum Subjekt des neuen Lebens; der Mensch ist Gottes Kind und gehört als Mitglied von Gottes Familie unmittelbar zu Gott. Das ist – im Gegensatz zur eigenen Leistung – eine unumstößliche Basis sinnvoller Existenz. Allerdings führt eine solche Identitätskonstruktion gerade nicht zu nachlässigem Verhalten, sondern als göttliches Familienmitglied tut man, was man dort eben tut: Den Geboten entsprechend handeln, so dass ich den Beziehungen, in denen ich lebe, gerecht werde. Man erkennt, dass ein Abweichen von den Geboten unplausibel ist – es lohnt sich nicht zu sündigen. Was Sünde und Begehren versprechen, sind betrügerische Luftblasen (Röm 7,11), denen ein göttliches Familienmitglied nicht hinterherlaufen muss: Es kennt und bekommt Besseres (Röm 8,28).
  10. Das theologische Fachwort für diesen Vorgang ist „Gericht“. Dieses Wort weckt im Kontext unserer gegenwärtigen Lebenswelt eher bedrängende Assoziationen als befreiende. Dass das Gericht als Bedrängnis gehört wird, wirkt sich bestenfalls in konsequenterem Tun des Guten aus und hat diesbezüglich sein pädagogisches Recht. Es geht jedoch im Gericht darum, dass Gott die Menschen befreien wird von den Dingen, die sie in ihrer Biographie gerne streichen würden. Aus diesem Grund ist die Interpretation des Richtens Christi als „Aufrichten“ wohl letztlich zutreffender als das normalerweise assoziierte „verurteilen“ oder gar „zugrunde richten“. Dass beispielsweise Joh 3,17-18 annimmt, das Gericht geschehe gegenwärtig, stütz die These, dass es im Endgericht nicht mehr um Verurteilungen geht.
  11. In Anm. 3 und 6 war erklärt worden, dass Sünde ein seinsmäßiges Problem darstellt und dass dieses Problem durch den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus gelöst worden ist: Gott stellt das Sein von Menschen auf diese neue Grundlage. Die Menschen wissen davon, indem sie glauben. Insofern dieselben Menschen aber aufgrund alter Gewohnheiten noch sündigen bzw. aufgrund der weltumfassenden Struktur der Sünde noch in sündige Vorgänge eingebunden sind, sind sie – obwohl seinsmäßig gerechtgemacht – auch noch Sünder.

8 Antworten auf Was steht im Neuen Testament? (Inhaltszusammenfassung)

  1. Robert sagt:

    …Gott und die Menschen sind zerstritten. ??

    Das hieße ja, dass Gott und die Menschen auf gleicher Stufe stehen.
    Gott ist kein Objekt unserer Anschauung.
    Diese Behauptung kann nur metaphorisch gemeint sein.

    Wenn man sich auf die Kernaussage Jesu beschränkt, “du sollst Gott lieben und du sollst die Menschen lieben”, dann
    ordnet sich alles andere unter.

    Warum wird der Bibelkunde so ein großer Stellenwert eingeräumt?

    • Stephan Rehm sagt:

      Danke, Robert, für Deinen Kommentar!

      Richtig, die Aussage, Gott und Menschen seien zerstritten, ist ein metaphorischer Ausdruck für das Grundproblem zwischen Menschen und Gott. Natürlich bin ich wie Du der Meinung, dass Gott als Schöpfer kategorial von den Menschen, den Geschöpfen, verschieden ist.

      Bibelkunde finde ich wichtig, weil sie der Zwischenschritt ist zwischen deiner zitierten Kernaussage und dem alltäglichen Leben. “Liebe” ist ein sehr großes Wort; konkrete Liebe sieht sehr verschieden aus. Wenn wir davon ausgehen, in der Bibel begegnet und Gottes Wort, und wenn wir uns im alltäglichen Leben nach Gottes Wort richten und konkret lieben wollen, dann müssen wir Gottes Wort kennen, und zwar nicht nur nach einzelnen Bibelversen, sondern auch in seinen literarischen Strukturen und in seiner historischen Bedingtheit. Daher ist meine Bibelkunde in Zoomstufen aufgebaut: Die groben Zoomstufen (wie dieses Dokument) für die prinzipielle Orientierung, wie sich die Bibel zum Leben verhält; die feineren Zoomstufen für die Begegnung mit den einzelnen Themen des Neuen Testaments, die mal mehr und mal weniger in aktuelle Situationen passen, und an die uns der Heilige Geist erinnern kann, wenn es ihm passend erscheint. Wenn wir dem Geist aber die Chance geben wollen, uns erinnern zu können, sollten wir diese Stellen schonmal gelesen haben, nicht nur als fortlaufende Tageslese, nicht nur als Predigttext im Gottesdienst, nicht nur als Grundlage einer Andacht, sondern zusammenhängend und vor dem Hintergrund der jeweils ganzen biblischen Schrift.

      Wird deine Frage damit etwas beantwortet?

  2. Robert sagt:

    Stefan Rehm,
    das hört sich logisch an, in der Wirklichkeit stößt man gerade wegen der Bibelzitate auf Schwierigkeiten. Wer sich in Bibelzitaten auskennt, gewinnt schnell jede Diskussion, weil es zu jeder Aussage auch eine gegensätzliche finden lässt.
    Ich habe in einem Wissenschaftsblog eine christliche Position eingenommen. Sie ahnen nicht, wie man da zuerst belächelt, dann abgelehnt und schließlich angefeindet wird. Nur wegen eines Wortlautes, den der eine wörtlich nimmt und ich ihn eher metaphorisch sehe.
    Wenn der Gesprächspartner auf Konfrontation aus ist, will er nicht einsehen, dass alle Bibelstellen versöhnlich gemeint sind (meine Meinung).
    Deshalb schafft eine detaillierte Auslegung eher Abgrenzung als einen Konsens. Versuchen Sie mal einem Atheisten die Dreieinigkeit Gottes verständlich zu machen .Ich kann es nicht. Die “Dreieinigkeitslehre” ist für mich eher ein Ergebnis menschlicher Vernunft als eine Offenbarung.

    Deswegen begnüge ich mich mit der Grundforderung Jesu nach Nächstenliebe und Gottesliebe.
    Das kann man natürlich auch ander sehen. Auf eine Antwort hoffe ich.

  3. Robert sagt:

    Nachtrag

    Nach dem heutigen Gottesdienst erscheint mir meine Meinung zur Dreieinigkeit und Bibelzitaten in neuem Licht.
    Es gibt keine Alternative zu Jesus Christus als Gottes Sohn. Wie immer man ihn sprachlich benennt, Gott spricht durch ihn zu uns und wir sprechen durch ihn zu Gott.
    Was die Beschaftigung mit den Gleichnissen betrifft, die sind wie Brennstoff, die unser Herz erwärmen, die sind die Weisheit , die uns jedesmal sprachlos macht.
    Ich wünschte mir , ich hätte mehr Wissen mit der dazugehörigen Terminologie, denn mit der guten Absicht allein kann man das Christentum nur unzureichend verteidigen.

    • Stephan Rehm sagt:

      Lieber Robert, danke für Ihre Gedanken – ich versuche eine pointierte Antwort.
      Der Kontext, in dem Sie zu dieser Aussage kommen, ist eine Diskussion im Internet. Sie kennen die Leute nicht, und das macht eine für den Glauben konstruktive Diskussion schwer. Glauben ist für mich vor allem Ergriffensein, weniger ein kognitives Ereignis. Daher habe ich das Gefühl, dass theologische Diskussionen im Internet nichts bringen, wenn es darum geht, irgendjemanden von der Sinnhaftigkeit zu glauben erst überzeugen zu wollen. Der Beobachtung pflichte ich bei: Wenn jemand auf Konfrontation auf ist, ist fruchtbares Diskutieren schwer zu erreichen. Die Aussage, eine detaillierte Auslegung schafft eher Abgrenzung als einen Konsens würde ich aber nicht generalisieren. Zwischen Gleichgesinnten bringt detailliert Auslegung Fortschritt; sonst erscheint sie als Kampfesmittel, um jemanden kognitiv gewaltsam überzeugen zu wollen, und wird als solches auch bekämpft. Andererseits hoffe ich, dass die Diskussion zwischen Ihnen und mir Klarheit bringt; wir glauben aber offenbar beide schon und müssen uns nicht über Grundsätzliches auseinandersetzen.
      Was Wissen, menschliche Vernunft und Terminologie betrifft, bewegen wir uns auf der kognitiven Ebene. Diese ist ziemlich verzweigt und lässt sich prinzipiell – so meine Überzeugung – am Besten so auf Vordermann bringen, dass man im Selbststudium theologische Literatur liest und dann mit jemandem, der theologisch schon mehr Erfahrung hat, MÜNDLICH spricht. Es ist wichtig, einen Denkprozess im mündlichen Gespräch zu entwickeln – schriftlich macht das wenig Sinn, da die Entwicklung der Gedanken einfach zu langsam verläuft. Mein Rat wäre also: Lesen und diskutieren – Sie können ja mit der Dreieinigkeitslehre anfangen. Wenn Sie mögen, verlagern wir unsere Diskussion auf E-Mails oder Telefonate: Ich könnte Ihnen etwas zum Lesen schicken; dann sprechen wir mal drüber. Ein Experiment wäre es mir wert.

  4. Robert sagt:

    Hallo Herr Rehm,
    ich glaube, wir verstehen uns. Unser Pfarrer, ein Katholik, hat mir das mit der Dreieinigkeit sehr gut erklärt und logisch ist das auch.
    Sie haben Recht, die Grundlage ist die Innere Einstellung und weniger rhetorische Fähigkeiten.
    Konkret kämpfe ich noch mit meiner Einstellung gegenüber der römisch-katholischen Kirche bezüglich der Gleichberechtigung der Frauen, der Duldung des Exorcismus und die Einstellung gegenüber der Homosexualität.
    Gefühlsmäßig fühle ich mich den Katholiken verbunden, verstandesmäßig bin ich ein Protestant.
    Auf jeden Fall bedanke ich mich für Ihr Angebot. Wenn mein Nachholbedarf wieder virulent werden sollte, melde ich mich.
    Mit herzlichem Gruß
    Helmut Wiedemann

    P.s. Schauen Sie sich mal meine Internetseite an, das mache ich in meiner Freizeit. http://www.kleinekirchen.de

  5. Robert sagt:

    Hallo Herr Rehm,
    Bibelzitat Mt 10:35 Ich bin nicht gekommen um Frieden zu bringen.

    Was halten Sie von meiner Interpretation?
    Der geschichtliche Hintergrund ist, dass damals eine sehr starke Hierarchie zwischen Mann und Frau, zwischen Sohn und Vater, zwischen Vater und Familienclan bestand. die Frau war dem Mann Untertan, der Sohn dem Vater, der Vater der Familenehre.
    Keiner war frei.
    Weil es auch noch Blutrache gab, musste der Sohn etwas tun, was er nicht wollte. Der Vater musste etwas tun was er nicht wollte.
    Keiner war frei.
    Jesus wollte diese starke Familienbindung aufbrechen, indem er forderte sich notfalls von der Familie loszusagen. Er wollte , dass jeder mündig wird, nur noch der Maxime Jesu verpflichtet.
    Ist dies die allgemeine Bibelauslegung?

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