Geschichte des Urchristentums (Einführung)

Charakteristik

Der Begriff „Urchristentum“ steht für die Entwicklungen ab der Zeit von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi im Jahr 30 bis zur endgültigen Selbständigkeit der Christen gegenüber dem Judentum (um 135).

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Lukas verschafft den Überblick

Wichtige Entwicklungen sind in der Apostelgeschichte des Lukas abgebildet (bis etwa 60):

  • Zu Pfingsten des Jahres 30 kam der Heilige Geist, der nach Auskunft der Evangelisten zuvor in Jesus gewesen war, über die Nachfolger Jesu und wirkte in vielen palästinensischen und hellenistischen Juden den Glauben an Leben, Tod und Auferstehung Jesu als Heilsgeschehen. In Jerusalem entsteht eine enge, hoch geachtete Gemeinschaft dieser Jesusgläubigen unter der Führung der Zwölf Nachfolger Jesu („Urgemeinde“).
  • Nachdem der Hellenist Stephanus als erster Märtyrer gesteinigt worden war, erhob sich eine Verfolgungswelle – Anlass dafür, dass vor allem die jesusgläubigen Hellenisten in der ganzen römischen Welt erfolgreich missionierten, so unter anderem im sizilischen Antiochia und in Rom. In Antiochia wurden die jesusgläubigen Juden zuerst Christen genannt, da sie dort äußerlich stärker durch ihre Identifizierung mit Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi auffielen als durch die typisch-jüdische Toraobservanz (Beschneidung, Einhaltung von Speisegeboten).
  • Der bekehrte Pharisäer Paulus sah die Offenheit der Antiochenischen Christen für am Judentum interessierte Nichtjuden („Gottesfürchtige“) und machte dies zur Grundlage seiner Theologie: Christus befreit von der Totalforderung des jüdischen Gesetzes, damit die Menschen frei seien, Gott und den Nächsten zu lieben. Konkret bedeutete das, dass Paulus auch getaufte Unbeschnittene als vollwertige Jesusgläubige anerkannte und zugunsten der Gemeinschaft von Juden- und Heidenchristen die Speisegebote geringschätzte, die gemeinsames Essen von Juden und Nichtjuden untersagten (historische Verortung: „Antiochenischer Zwischenfall“). Nachdem diese Offenheit (allerdings nur im Hinblick auf die Beschneidung) 48 im Jerusalemer Apostelkonvent einvernehmlich mit den palästinischen Judenchristen beschlossen worden war, wirkte Paulus erfolgreich als Missionar und gründete Gemeinden in Kleinasien (z. B. Ephesus) und Europa (z. B. Philippi, Thessalonich, Korinth). Nichtjuden, die keine jüdische Vorbildung besaßen, konnte Paulus vor allem dadurch beeindrucken, dass er unter Berufung auf die Auferstehung Jesu ein Leben nach dem Tod in Aussicht stellte – das war eine echte Alternative zu den überkommenen griechisch-römischen Religionsformen.

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Die erste Generation: Paulusbriefe

Eine weitere Quelle für die Ereignisse bis zum Jahr 60 finden wir in den Briefen des Paulus. Die Frühzeit war gekennzeichnet von begeistertem Glaubensvollzug, von Mission, geschwisterlich orientiertem Verhalten; sogar Frauen übernahmen Leitungsämter. Jedoch hatte sich Paulus auch immer wieder mit konservativen Judenchristen über die Geltung der Tora auseinanderzusetzen (z. B. in Gal und Phil).

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Die zweite Generation

Über das Ergehen dieser Gemeinden nach dem Tod des Paulus ist nicht viel bekannt. Sicher ist jedoch, dass in den Jahren 66-70 mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jüdischen Krieg die Jerusalemer Urgemeinde teils ins Exil ging, teils zerstreut wurde, und dass deshalb auch einige palästinische Juden nach Kleinasien kamen, die teilweise restaurierend wirkten. Die Leitfrage in dieser zweiten christenlichen Generation war, wie der Glaube der Eltern trotz des nun länger zurückliegenden Ereignisses der Auferstehung und der ausbleibenden Wiederkunft Christi plausibel und attraktiv zu verkünden sei. Die (synoptischen) Evangelien als Illustration der Anfänge entstanden, dazu Briefe, die – im Namen des Paulus oder anderer Autoritäten der ersten Stunde abgefasst – die Probleme der Zeit aufgriffen und autoritativ zu lösen versuchten.

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Die dritte Generation

Noch einmal zwanzig bis dreißig Jahre später (dritte Generation) hatte sich das Urchristentum mit den ersten Verfolgungen auseinandersetzen müssen; die Gläubigen erlebten sich als bedroht und verfolgt, so dass die Schriften dieser Zeit (v. a. 1Petr, Offb) sich entsprechend um Trost bemühten. Der Hebräerbrief versucht einen theologischen Neuansatz, um dem Fernbleiben Einiger von den christlichen Versammlungen zu begegnen. Die Pastoralbriefe mahnen zu gesellschaftskonformem Verhalten und regen an, die Standfestigkeit der Gemeinden durch starke und integre Leitungspersönlichkeiten zu sichern. Wer die Schriften der Apostolischen Väter aus den Jahren 110 bis 150 studiert, wird die Ähnlichkeit zu den Pastoralbriefen feststellen.

Eine späte, aber große und beeindruckende theologische Synthese liegt mit der Johanneischen Literatur vor. Leider lässt sich wenig konkretes über die Entstehungsumstände sagen; klassischerweise wird dahinter eine „johanneische Schule“ in Ephesus vermutet.1

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Einschneidende Ereignisse (tabellarisch)

um 30 Entstehung der Urgemeinde in Jerusalem aufgrund des Wirkens des Heiligen Geistes
um 32 Berufung und Bekehrung des Paulus
48 Apostelkonvent in Jerusalem
kurz darauf Antiochenischer Zwischenfall
51 bis 62 (?) Entstehung der Paulusbriefe
62 Märtyrertod des Herrenbruders Jakobus (Leiter der Jerusalemer Urgemeinde)
um 64 Märtyrertod von Petrus und Paulus in Rom (?)
nach 70 Probleme der zweiten und dritten Generation werden theologisch durch die Paulusschule und anonyme Autoren bearbeitet

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Ressourcen

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Letzte Aktualisierung: 12. April 2012, Stephan Rehm.

  1. Jüngst hat Folker Siegert einen zweistufigen Entstehungsprozess vorgeschlagen, wobei er die erste, historisch und chronologisch recht verlässliche Schicht um 110 (unter Kaiser Trajan, 98-117) ansetzt, die bis 138, dem Ende der Regierungszeit Kaiser Hadrians, aufgrund einer „radikale{n} Verschlechterung des Verhältnisses der Christen zum Judentum einerseits – jetzt ist man ausgeschlossesn {sic!} – und zur griechisch-römischen Gesellschaft andrerseits {sic!} – sie wird als die böse ‚Welt‘ {…} denunziert {- zu einer} ebenso antijüdische{n} wie antirömische{n} Kampfschrift {fragmentiert wurde}.“ (Siegert, Folker; Bergler, Siegfried: Synopse der vorkanonischen Jesusüberlieferungen. Zeichenquelle und Passionsbericht, die Logienquelle und der Grundbestand des Markusevangeliums in deutscher Übersetzung gegenübergestellt (SIJD 8,1), Göttingen 2010, 26.)

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