Eckdaten (Zeit, Ort, Personen) 
Die Stadt Thessalonich
- -315: Gründung durch General Kassander, benannt nach seiner Ehefrau
- seit -31: freie Stadt (Rat, Volksversammlung, Verwaltung durch Präfekte)
- Hafenstadt an der Via Egnatia (Handesstrecke Rom – Byzanz) → wichtiger Verkehrsknotenpunkt, Handelsplatz
- viele verschiedene Kulte (Isis, Sarapis, Dionysos, Kabiren…), auch jüdische Gemeinde (Apg 17)
Umstände 
Gründung der christlichen Gemeinde in Thessalonich …
… durch Paulus auf der 2. Missionsreise (etwa Herbst/Winter 49), gemeinsam mit Silas/Silvanus und Timotheus
- Paulus kam aus Philippi (1Thess 2,2; Apg 16,11.40; 17,1)
- zweite Gemeindegründung des Paulus in Europa
| Apg 17,1-10 | 1Thess |
| Predigt an drei Sabbaten | längerer Aufenthalt? |
| Missionspredigt nach lk Schema (17,3): Erweis, dass Jesus der Christus ist |
„Missionssummarium“ (1,9f):
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| Missionserfolg: einige Juden, eine große Menge gottesfürchtiger Griechen und vornehme Frauen | Christen waren v.a. frühere Götzendiener (1,9; 4,3ff) |
| Juden schleppen Jason u.a. vor Präfekten → Paulus kann fliehen | von Verfolgung ist nicht die Rede! (zumindest nicht in 1Thess; 2,2: in Philippi) |
Fazit: Die Gemeinde in Thessalonich war eine lebendige Gemeinde aus Heiden- und wohl auch aus Judenchristen.
Weitere Begebenheiten nach dem Weggang der Missionare aus Thessalonich
- Bedrängnisse (1,6; 3,3) durch „Landsleute“ (2,14)
- Paulus will zwei Mal wiederkommen, aber der Satan verhindert es (2,18) →
- Möglichkeit I, nach Apg 17,14-15: in Beröa trennt sich Paulus von Timotheus und Silas/Silvanus und wird nach Athen begleitet; Timotheus und Silas erhalten wohl die Anweisung, als Nothilfe anlässlich vorhergesagter Bedrängnisse zurück nach Thessalonich zu reisen (3,2)
- Möglichkeit II, nach 1Thess 3,1: Paulus schickt Timotheus von Athen aus zurück nach Thessalonich
- Timotheus (und Silas/Silvanus[?]) bringt gute Nachrichten und eine Anfrage bezüglich verstorbener Christen mit nach Korinth (Act 18,5)
Fazit: Paulus verfasst gemeinsam mit Timotheus & Silas/Silvanus nach deren Rückkunft ca. 50/51 (also maximal 2 Jahre nach der Gemeindegründung) in Korinth den 1Thess, damit er in Gemeinde verlesen wird (5,27).
2Thess als ältester der erhaltenen fingierten Paulusbriefe?
Leitfrage: Wie verhält sich 2Thess zu 1Thess?
2Thess ist literarisch von 1Thess abhängig, …
- Themen und Struktur gleich, z.T. auch Wortlaut (vor allem im Rahmen)
- bis auf eschatologische Abschnitte steht alles, wovon 2Thess handelt, sehr ähnlich auch in 1Thess
… und korrigiert 1Thess inhaltlich bzgl. der Eschatologie (1Thess: Parusienähe; 2Thess: Parusieferne).
- Hätte Paulus an dieselbe Gemeinde in kurzem Zeitabstand (2,2 „schnell“) zwei gleichlautende, sich inhaltlich scheinbar widersprechende Briefe geschrieben?
- 2,2: in Thessalonich gibt es einen angeblichen Paulusbrief
- 3,17: eigenhändiger Briefschluß als Erkennungszeichen des Paulus (nirgendwo sonst in dieser Verwendungsweise!)
- → Es gibt bereits fingierte Paulusbriefe!
- → Verstehensmöglichkeiten des 2Thess als…
| … pseudepigraphes Schreiben | … ergänzender Paulusbrief |
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| resultierende Entstehungshypothesen | |
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Ursache(n) & Ziel(e) 
1Thess
- Wissen um Bedrängnisse → Stärkung, Ermahung, Tröstung
- Anfrage bezüglich verstorbener Mitchristen (= Widerspruch zur Naherwartung?) → „theologische Weiterbildung“ zum Trost
2Thess
Problem: falsch verstandene Naherwartung
- 2,2: bestimmte Leute meinen, der Tag des Herrn sei schon da (steht unmittelbar bevor?; ist in spirituellem Sinn schon angebrochen?) und berufen sich dabei auf einen angeblichen Paulusbrief
- 3,6.11: einige Gemeindeglieder arbeiten nicht mehr (wegen unmittelbarer Naherwartung, oder nur, weil die „unnützen Dinge“ von der Arbeit ablenken und man wegen des Evangeliums nachlässig geworden ist?)
Ziel: Dämpfung übersteigerter Naherwartung
Anlass 
- Rückkehr des Timotheus vom Besuch in der Gemeinde (?)
Linearer Zugang / Aufbau 
Aufgrund des geringen Umfangs der beiden Briefe genügt vorerst für die Bibelkundeprüfung der Lineare Zugang auf dem Niveau von Zoomstufe 1.
Thematischer Zugang 
Der Status der Gemeinde, erwählt zu sein (1Thess 1 – 3)
Gott hat die Gemeinde durch sein Evangelium erwählt. Paulus ist dabei Gottes Beauftragter:
- Gott nimmt sie aus Unheilszustand heraus → Heiligkeit und Heil (4,7; 5,9)
- in der Gemeinde verwirklichen sich Glaube, Liebe und Hoffnung (1,3; 5,8)
- endzeitliche Perspektive (Parusiehoffnung!): Zusammensein der Gemeinde mit dem Herrn
Paränese zur ethischen Vervollkommnung der Gemeinde (1Thess 4 – 5)
- Heiligung (4,1-12): Unzucht meiden, fair handeln, Bruderliebe, Arbeit
- „Kinder des Lichts“ (5,1-11): Wachsamkeit und Nüchternheit (Tag des Herrn!)
- Verhalten der Christen (5,12-22): diverse Mahnungen, Imperativkataloge
- 5,14: „Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.“
- 5,16-18: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.“
- 5,19-21: „Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.“
Fazit: Paulus liegt nicht daran, Mängel zu beheben, sondern zur Vollkommenheit anzuleiten! (4,1.9; 5,11)
Systematischer Zugang 
Eschatologie
Gemeinsame Rahmensituation: Die Wiederkunft Christi (die „Parusie“) wird erwartet, und die Gemeinde wird mit ihm vereinigt werden.
Was geschieht mit Christen, die bereits vor der Parusie verstorben sind (1Thess 4,13-18)?
- Argument des Paulus: Glaube an die Auferstehung Jesu = Glaube an die Auferstehung der Toten
- die Darstellung stützt sich auf ein Herrenwort („Agraphon“, 4,15); der Akzent liegt auf dem Geschehen der Wiederkunft (das Gericht ist entgegen 2Thess nicht im Blick): Lebende kommen den Entschlafenen nicht zuvor → Deutung in 16-17
- Posaune Gottes/die Stimme des Erzengels →
- Kommen des Herrn „vom Himmel herab“ →
- Auferstehung der verstorbenen Gläubigen →
- gemeinsame Entrückung (der noch lebenden und der wieder auferstandenen Christen) als Gemeinde „dem Herrn entgegen in die Luft“
Anliegen:
- Trost (4,18)
- Hinweis auf die Notwendigkeit ständiger Bereitschaft (5,1-11: der Zeitpunkt der Parusie ist wie bei einem „Dieb in der Nacht“; vgl. die Einbettung in Paränese)
was vor dem Tag des Herrn noch geschehen muss (2Thess 2,1-12)
- Voraussetzung: Existenz des Tempels (2,4)
- das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirkt bereits jetzt (2,7; 1. Jh.!)
- in der Gegenwart wirkt noch „das/der Aufhaltende“ (gr. κατέχον; 2,6: sächlich; 2,7: männlich1), das/der die Offenbarung des gesetzlosen Menschen verhindert (2,6)
- nachdem er weggetan sein wird (2,7), wird der böse „Widersacher“ offenbart (gr. ἀντικείμενος [2,4]; Mensch der Bosheit, Sohn des Verderbens [2,3]; zeitgeschichtliche Gestalt? Antichrist?)
- wird in der Macht des Satans auftreten mit Lügenwundern (2,9)
- wird sich in den Tempel Gottes setzen und sich selbst zu Gott erklären (2,4)
- durch dessen „Macht der Verführung“ (2,11: von Gott gesendet?) kommt der „Abfall“ (gr. ἀποστασία [2,3])
- dann macht Christi Wiederkunft dem Widersacher ein Ende (2,8)
- es folgt das Gericht (1,6-10) mit Engeln in Feuerflammen mit doppeltem Ausgang:
- Bedränger → Bedrängnis
- Bedrängte → Ruhe
Fazit: 1Thess lebt in der Erwartung des Kommens des Herrn; 2Thess bringt apokalyptisches Wissen um das Weltende2 ein und relativiert die Naherwartung → zwei Seiten der gleichen Medaille oder gegensätzliche Vorstellungswelten?
Ergebnis 
Sowohl 1Thess als auch 2Thess kommen zum selben Schluss: Der Tag des Herrn/das Kommen des Herrn lässt sich nicht ausrechnen; statt dessen ist es Aufgabe der Christen, ihre tägliche Arbeit zu verrichten.
Letzte Aktualisierung: 26. Juni 2012, Stephan Rehm.
- Deutungsmöglichkeiten: römisches Reich/Kaiser? Evangelium/Apostel? Sitte? Gesetz? Moralisches Leben? Göttliche Macht, die sich als Parusieverzögerung auswirkt? ↩
- Apokalyptik = Schule (?) jüdischer Gelehrter ab -200, verstärkt ab -160, die durch Beobachtung der Katastrophen in der Geschichte Israels eine Philosophie der Weltgeschichte bis zu ihrem Ende aus jüdischem Blickwinkel entwickelte. Später große Berührungsflächen mit weisheitlichen Gedanken. Merksatz: „Die Apokalyptik ist ein Kind der Prophetie, das sich mit zunehmendem Alter der Weisheit geöffnet hat.“
Wie sieht das apokalyptische Bild der Weltgeschichte aus? Die Geschichte vollzieht sich in kreisförmiger Steigerung, wechselnd zwischen normalen Zeiten, in denen die Grundsätze der Weisheit gelten, und Zeiten der Bedrängnis (für das jüdische Volk). In den immer heftiger werdenden Zeiten der Bedrängnis treten Widersacher auf, die Israels Religion, Sitte und die in der Weisheit erschlossene Schöpfungsordnung angreifen. Konkrete historische Gestalten der Bosheit für die jüdischen Apokalyptiker waren
- der verstockte Pharao (-1200?, s. Ex),
- der Babylonierkönig Nebukadnezzar (-597/-587, Zerstörung Jerusalems und des Tempels),
- der Seleukidenkönig Antiochos IV. Epiphanes (-164, Entweihung des Tempels, Verbot der jüdischen Religion),
- der römische Feldherr Pompeius (-63, er betritt als Heide den Tempel).
- Weitere Gedankenanstöße erhielten Vertreter der Apokalyptischen Geschichtsauffassung durch den Versuch Caligulas, im Jerusalemer Tempel ein heidnisches Götterbild aufzustellen (41 gescheitert)
- und durch Hadrians heidnischen Tempelbau anstelle des Jerusalemer Tempels (135),
- später durch den Bau des Felsendoms (um 700),
- sowie aktuell durch Hitlers Agitation gegen die Juden.
Wer diese Tradition des Geschichtsdeutung kennt, sieht sich möglicherweise heute vor die Frage gestellt, wie lange die in normalen Zeiten erworbenen weisheitlichen Gewohnheiten zum Erhalt des Lebens (möglicherweise „das Aufhaltende“ aus 2Thess 2,6-7?) eine Offenbarung des Bösen aufhalten können. ↩
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