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Synoptische Grundgliederung
Die synoptischen Evangelien haben hinsichtlich ihrer Gliederung ein gemeinsames Grundprinzip; Johannes dagegen gliedert sein Evangelium ganz anders.
| Mt | Mk | Lk | |
| Ankündigung & Ursprung | 1 – 2 | 1 – 2 | |
| Vorbereitung | 3 – 4 | 1 | 3 – 4 |
| Wirksamkeit | 4 – 25 | 1 – 13 | 4 – 21 |
| Passion & Tod | 26 – 27 | 14 – 15 | 22 – 23 |
| Auferstehung | 28 | 16 | 24 |
| Erscheinungen & Schluss | 28 | 24 |
Merkhilfen:
- Passion, Tod und Auferstehung haben jeweils in den letzten drei Kapiteln ihren Platz.
- Ankündigung & Ursprung bzw. die Vorbereitung sind bei Mt und Lk gleichermaßen in 1 bis 2, bzw. 3 bis 4 zu finden, Erscheinungen und Abschied jeweils im letzten Kapitel; bis auf die Vorbereitung fehlt das bei Markus. Die Erscheinungsgeschichten in Mk 16 sind sekundär; das Evangelium endete ursprünglich nach 16,8.
Geographische Gliederung
Die ausgedehnte Phase der Wirksamkeit muss weiter untergliedert werden. Dafür bietet sich bei den Synoptikern ein einfaches geographisches Schema an, welches bei Johannes differenzierter und über einen längeren Zeitraum ausgeführt ist.
| Mt | Mk | Lk | |
| Vorbereitung | 3 – 4,11 | 1,1-13 | 3 – 4,13 |
| I Auftreten in Galiläa | 4,12 – 18 | 1,14 – 9 | 4,14 – 9,50 |
| II Weg nach Jerusalem | 19 – 20 | 10 | 9,51 – 19,27 |
| III Wirken in Jerusalem | 21 – 25 | 11 – 13 | 19,28 – 21 |
| Tod und Auferstehung | 26 – 28,8 | 14 – 16,8 | 22 – 24,12 |
Nach Versanteilen pro Abschnitt stellt sich das in einem Diagramm so dar:

Diagramm der Textmengenverhältnisse beim geographischen Aufriss der Synoptischen Evangelien
- Mt – Mk: Matthäus hat jeweils in etwa gleichen Proportionen mehr Text als Markus.
- Lk – Mk: Lukas schichtet die Textmenge zugunsten des Weges extrem um und lässt den Abschnitt aus Mk 6,45 bis 8,26 aus, indem er auf 9,17 (Speisung der 5000) gleich 9,18 (Petrusbekenntnis) folgen lässt („große Auslassung“).
Außerdem hat er zu Anfang und Schluss am meisten Text. - Mt – Mk/Lk: Dass Matthäus beim Wirken Jesu in Galiläa und Jerusalem die anderen weit überragt, liegt daran, dass die Reden Jesu dort situiert werden (Galiläa: etwa 270 Verse; Jerusalem: etwa 130 Verse).
Dramaturgische Gliederung
Das geographische Schema ergänzend schlage ich eine dramaturgische Grobgliederung1 der Wirksamkeit sowie des Ergehens Jesu in Tod und Auferstehung vor. Eine dramaturgische Grobgliederung füllt die weite Strecke der Wirksamkeit in Galiläa mit einem spannungsvollen Handlungsablauf. Dabei treten die jeweiligen Gruppen, mit denen Jesus in Kontakt kommt, jeweils charakteristisch hervor (A – Jünger, B – Volk, C – Gegner, D – Jesus selbst):
- Die Eröffnungsphase vom ersten öffentlichen Auftreten bis zum impliziten Messiasanspruch durch die Heilung eines jüdischen Aussätzigen (Mt 8,1-4; Mk 1,40-45; Lk 5,12-16)
- Berufung der ersten Jünger
- weitgehend ungehindertes Wirken Jesu zugunsten des Volkes
- keine Auseinandersetzungen mit Gegnern
- souveränes Auftreten Jesu, Jesus wird geschätzt und geehrt
- Die Phase der Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten über die Messianität Jesu im Anschluss an die anmaßende Sündenvergebung an Gottes statt (Mt 9,1-8; Mk 2,1-12; Lk 5,17-26)
- Jesus konstituiert den Zwölferkreis; die Jünger werden in die Verkündigung mit eingebunden; Höhepunkt: Petrusbekenntnis (Mt 16,13-20; Mk 8,27-30; Lk 9,18-21)
- Jesus profiliert sich vor dem Volk durch Wunder & Reden; beginnende Enttäuschung
- Anfragen & Anfeindungen durch die Schriftgelehrten; Höhepunkt: Beelzubulvorwurf nach der Heilung eines stummen Besessenen als weiteren Erweis der Messianität Jesu (Mt 9,32-34; Mt 12,22-24; Mk 3,22; Lk 11,14-15)
- Jesus weiß sich gegen seine Gegner durchzusetzen
- Jesus konstituiert den Zwölferkreis; die Jünger werden in die Verkündigung mit eingebunden; Höhepunkt: Petrusbekenntnis (Mt 16,13-20; Mk 8,27-30; Lk 9,18-21)
- Zuspitzung der Situation durch beginnende Leidensankündigungen
- Jünger zwischen Nachfolge und Unverständnis
- zunehmende Distanz zum Volk (Lehre nur noch in Gleichnissen; Mt 13,1-52; Mk 4,1-34; Lk 8,4-18; Lk 13,18-21), ausführliche Kontakte vor allem mit Einzelnen, beispielsweise in Heilungen
- gelegentliche Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, aber kein Streit mehr um die Person Jesu
- Jesus zwischen Leiden und Herrlichkeit
- Passionskomplex
- nur noch einzelne Jünger zeigen Aktivität; Krisenbelehrung Jesu; letztes Mahl
- Lehre nur noch nebenbei in Form von Streitgesprächen; kein direkter Kontakt mehr zum Volk; keine Heilungen und Wunder mehr
- harte Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten in Streitgesprächen
- Jesus gibt sich in die Situation hinein und erleidet, was kommt
- Auferstehung
- Erweis der Lebendigkeit allein vor den Jüngern
- das Volk ist nicht mehr im Blick
- die Gegner sind nicht mehr im Blick
- Jesus auf dem Weg zum Vater
Wie oben auch noch einmal in Tabellenform:
| Mt | Mk | Lk | |
| Eröffnungsphase (1.) | 4,12 – 8,4 | 1,14-45 | 4,14 – 5,16 |
| Phase der Auseinandersetzung (2.) | 9,1 – 16,20 (A) 9,1 – 12,50 (C) |
2,1 – 8,30 (A) 2,1 – 3,35 (C) |
5,17 – 9,21 (A) 5,17 – 11,32 (C) |
| Zuspitzung (3.) | 16,21 (A) – 25 13,1 (B & C) – 25 |
8,31 (A) – 13 4,1 (B & C) – 13 |
9,22 (A) – 21 11,33 (C) – 21 |
| Passion & Tod (4.) | 26 – 27 | 14 – 15 | 22 – 23 |
| Auferstehung (5.) | 28,1-8 | 16,1-8 | 24,1-9 |
Beobachtungen:
- Teilweise überschneiden sich die Phasen, bzw. greifen je nach der Bezugsgruppe zu Jesus (A – Jünger, B – Volk, C – Gegner) ineinander über: In der Phase der Auseinandersetzung kommt beispielsweise das Petrusbekenntnis außer bei Lukas erst lange nach dem Eklat durch den Beelzubul-Vorwurf.
- Wenn die Phase der Auseinandersetzung im Hinblick auf die Jünger mit dem Petrusbekenntnis beendet ist, beginnt mit der Leidensankündigung die Phase der Zuspitzung.
- Lukas entwindet sich bezüglich der beginnenden Zuspitzung dem Schema, indem er den Beelzebulvorwurf (11) erst nach dem Petrusbekenntnis (9) und der Reduktion der Volksverkündigung auf Gleichnisse (8/13) erzählt.
- Das dramaturgische Schema ist mit Gewinn anwendbar, wenn die oben genannten Schaltstellen bewusst bleiben.
Gemeinsame Erzählfäden der Synoptischen Evangelien
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Neben dem gemeinsamen Gliederungs-Grundprinzip liegen jetzt zwei weitere Vorschläge für Grobgliederungen (Zoomstufe 1) vor. Unbefriedigend bleibt aber auch mit dem dramaturgischen Gliederungsschema, dass die lange Strecke der Erzählzeit in Phase 3 noch zu ungenau abgebildet wird.
Um die noch schlecht erschlossenen »Gebiete« der Evangelienerzählungen auszuleuchten, müssen die Evangelien einzeln in Zoomstufe 2 und 3 in den Blick kommen. Das geschieht beim Überblick über wichtige Einzelperikopen (Zoomstufe 2, www.bibel-faq.net/syn-zs2 – klick!) sowie in der erweiterten Perikopenübersicht parallel überlieferter Evangelienstoffe, kurz: »Blöcke« (Zoomstufe 3, www.bibel-faq.net/bloecke – klick!). Dabei zeigt sich, dass manchmal alle drei, häufig aber wenigstens zwei synoptische Evangelien hinsichtlich ihrer Perikopenreihenfolge (Erzählreihenfolge) übereinstimmen. Diese Übereinstimmung lässt sich mit den synoptischen Farben (bibel-faq.net/synoptische-farben – klick!) so hervorheben, dass graphisch Blöcke entstehen. Der Text der Synoptischen Evangelien wird dabei lückenlos erfasst.
Die folgende Übersichtstabelle (Download als pdf-Dokument im A4-Format: klick!) enthält alle Überschriften der Blöcke, markante Blockwechsel und größere Einschübe:
- Es werden drei Schrifttypen verwendet: »Groß« für die Hauptüberschriften, »normal« für Blöcke, die mehrere Perikopen umfassen, und »klein« für Einzelperikopen. Kleinere Abweichungen werden hier generell nicht berücksichtigt.
- Wo ein Evangelist Stoffe einschiebt, ist diese Ausnahme mit roter, fetter und umrahmter Schrift gekennzeichnet.
- Eine Doppel-Linie markiert Übergänge, bei denen Abschnittsgrenzen mit Kapitelgrenzen zusammenfallen.
- Die in eckigen Klammern [] und Kleindruck stehenden Zeilen haben kein besonderes bibelkundliches Gewicht, sondern dienen der Illustration des komplizierten synoptischen Sachverhalts: Matthäus und Lukas entscheiden scheinbar recht willkürlich, ob sie der markinischen Erzählreihenfolge folgen oder nicht.
- Durchgehende Trennlinien zwischen den Tabellenzeilen zeigen die Seitenumbrüche in der Druckausgabe der »Blöcke« an; die grün hinterlegten und kursiv gedruckten Zahlen bei Joh die Seitenzahlen der Druckausgabe.
- Die Passionsgeschichte läuft an vielen Stellen in allen Evangelien parallel. Markus und Matthäus sind sich ähnlich, Lukas und Johannes, in geringerem Maße auch Matthäus, bilden durch größere Einschübe und Akzente ein eigenes Profil der Passionsgeschichte aus. Eine differenziertere Darstellung scheint auf der Ebene eines Inhaltsüberblicks nicht sinnvoll zu sein.
Inhaltsübersicht zur Blockdarstellung der synoptischen Evangelien
| Abschnitte gleicher Erzählreihenfolge | Mt | Mk | Lk | S / Joh (18-20) |
| (1) Eingangsteil: Woher Jesus kommt | 1 – 2 | 1 – 2 | 5 | |
| Jesus beginnt zu wirken | ||||
| Eröffnung 1: Johannes der Täufer und der Beginn der Jesusbewegung | 3,1 – 4,22 | 1,1-20 | 3,1 – 4,15 | |
| [Predigt in Nazareth | 4,16-30] | |||
| Eröffnung 2: ein Tag in Kapernaum | 1,21-38 | 4,31-43 | ||
| Eröffnung 3: Lehre, Tat(en, Rückzug) | 4,23 | 1,39-45 | 4,44 – 5,16 | 6 |
| Bergpredigt u. a. | 4,24 – 8,1a | |||
| 8,1b-4 | ||||
| Kapernaum-Tag | 8,5-34 | |||
| (2) Auseinandersetzung mit Pharisäern | 9,1-17 | 5,17 – 6,16 | 8 | |
| Aussendungsrede u. a. | 9,18 – 11,30 | 2,1 – 3,6 | ||
| 12,1-14 | ||||
| Menschen um Jesus | 10 | |||
| a) Heilungen für das Volk | 12,15-21 | 3,7-12 | 6,17-19 | |
| b) Feldrede u. a. (für die Jünger) | 6,20 – 8,3 | |||
| c) Beelzebulvorwurf und Gleichnisse | ||||
| Beelzebul-Debatte und Jesu Familie | 12,22-50 | 3,13-35 | ||
| Sämannsgleichnis für »die draußen« | 13,1-23 | 4,1-20 | 8,4-15 | |
| [Lampengleichnis u. a. | 4,21-25 | 8,16-21] | ||
| weitere Gleichnisse | 13,31-53a | 4,30-34 | ||
| d) Wunderwirken (für Einzelne) | 4,35 – 5,43 | 8,22-56 | 12 | |
| [Predigt in Nazareth | 13,53-58 | 6,1-6] | ||
| [Aussendung der 12 | 6,7-13 | 9,1-6] | ||
| Jesu Bild bei Herodes und beim Volk | 14,1-21 | 6,14-44 | 9,7-17 | |
| e) Jünger- und Gegnererzählungen | 14,22 – 16,12 | 6,45 – 8,26 | ||
| (3) Jüngererzählungen (Petrusbekenntnis, Nachfolge, Leiden) | 16,13 – 18,5 | 8,27 – 9,37 | 9,18-48 | |
| [Johannes und der fremde Wundertäter | 9,38-41 | 9,49-50] | ||
| [Warnung vor Ärgernis | 18,6-9 | 9,42-50] | ||
| Gemeinderede | 18,10-35 | |||
| Auf dem Weg | 14 | |||
| [a) Ehescheidung | 19,1-12 | 10,1-12] | ||
| b) »Reisebericht« | 9,51 – 18,14 | |||
| (4) c) Gemeinsames (Frage des Reichen, Leiden) | 19,13 – 20,19 | 10,13-34 | 18,15-34 | 17 |
| [Frage der Zebedäussöhne | 20,20-28 | 10,35-45] | ||
| [Blindenheilung | 20,29-34 | 10,46-52 | 18,35-41] | |
| Geschehen im Jerusalemer Tempel | 21 – 22 | 11 – 12,37 | 19,29 – 20,44 | 18 |
| Pharisäer-Weherede | 23 | 12,38-44 | 20,45 – 21,4 | |
| Jesu Endzeitrede | 24,1-36 | 13 | 21,5-38 | |
| Endzeit-Gleichnisse u. a. | 24,37 – 25,46 | |||
| (5) Passionsgeschehen | 20 | |||
| a) letzte Jüngergemeinschaft | 26,1-46 | 14,1-42 | 22,1-46 | (→ 12 – 18,1) |
| b) Verhaftung Jesu und Prozesse vor Kaiphas und Pilatus | 26,47 – 27,31 | 14,43 – 15,20 | 22,47 – 23,25 | 18,2 – 19,16 |
| c) Kreuzigung und Tod | 27,32-66 | 15,21-47 | 23,26-56 | 19,17-42 |
| Nachösterliches | 23 | |||
| Das leere Grab | 28,1-8 | 16,1-8 | 24,1-10 | 20,1-31 |
| Evangelienschlüsse | 28,9-20 | 16,9-20 | 24,11-53 |
Letzte Aktualisierung: 12. April 2015, Stephan Rehm.
- Die Idee eines dramaturgischen Schemas in den Evangelien habe ich dem Buch „Das Leben des Messias“ von Arnold Fruchtenbaum (Hünfeld 2008) entnommen. Fruchtenbaum ist als Kind polnischer Juden in einem sibirischen Internierungslager geboren worden. Nach theologischen, philosophischen und archäologischen Studien schloss sich eine ausgedehnte Vortragstätigkeit an. Sein Buch bündelt den Ertrag jener Vortragstätigkeit und ist somit kein wissenschaftliches Buch im eigentlichen Sinn. Da es jedoch die dramaturgische Perspektive der Evangelien plausibel darbietet, möchte ich seinen Ansatz für die Bibelkunde fruchtbar machen. ↩
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