Eckdaten (Zeit, Ort, Personen) 
Die Stadt Philippi
Geschichte
- -358/7 gegründet durch Philipp II. von Makedonien → zeitweilig dessen Residenzstadt → wirtschaftlich bedeutend wegen
- Lage an der Via Egnatia
- Nähe zur Hafenstadt Neapolis
- fruchtbares Land
- Bodenschätze
- -42: Schlacht bei Philippi (das Triumvirat Marcus – Antionius – Octavian besiegte die Republikaner Brutus und Cassius) → danach Ansiedlung römischer Veteranen
- -30: Kaiser Augustus (Octavian) macht die Stadt zur Militärkolonie „Colonia Iulia Augusta Philippensis“ → Ius italicum (Selbstverwaltung, Abgabenfreiheit, römische Staatsbürgerschaft für alle Einwohner)
Bevölkerung
- gemischt: „Römer“ unterschiedlichster Herkunft, Griechen, Makedonen…
Religiosität
- ebenso gemischt: griechische/römische Götter, alte thrakische Götter, Mysterienkulte, kleine jüdische Gemeinde
Umstände 
Gemeindegründung: 49 durch Paulus auf der zweiten Missionsreise mit Silas/Silvanus & Timotheus (Apg 16,11-401)
- erste paulinische Gemeindegründung auf europäischem Boden!
- heidenchristliche Prägung2
- 1Thess 2,1; Phil 1,30: Rekurse auf Verfolgung in Philippi
- herzliches Vertrauensverhältnis; einzige Gemeinde, von der sich Paulus unterstützen lässt
späterer Kontakt
- 3. Missionsreise: Paulus sendet von Ephesus aus Timotheus und Erastos nach Makedonien (Apg 19,22)
- Paulus selbst kommt noch zwei Mal nach Makedonien („Kollektenreise“ [Apg 20,1-6] und Rückreise), wobei er 57/58 in Philippi sein letztes Passa in Freiheit feiert
Umstände der Abfassung des Philipperbriefes
| Gefangenschaft … (1,13) | 54-56 in Ephesus? (2Kor 11,23: „öfter gefangen“) | 57-59 in Cäsarea? (Act) | 59-61 in Rom (Act) |
| … „im Prätorium“ | Haus der Prätorianergarde? | Haus der Prätorianergarde? | Haus des Prätors? |
| Kontakte (Nachrichten, Epaphroditus, Besuche) | geringste Entfernung zu Philippi | ||
| „die aus dem Hause des Kaisers“ (4,22) | Leute, die aus dem römischen Kaiserpalast kommen |
Fazit: wahrscheinlich in Rom (so auch altkirchliche Tradition; Theologie eher spätpaulinisch)
Linearer Zugang / Aufbau 
Der Philipper-Aufbau als Zoomstufe-2-bis-3-MindMap sieht so aus:
Hier der Philipper-Aufbau als Tabelle:
| 1,1-2 | Präskript | |
| 1,3-11 |
Proömium
|
|
| 1,12-30 | Aktuelles: Befindlichkeit des Paulus in der Gefangenschaft | |
| 12-18a | die Gefangenschaft wirkt sich positiv auf die Evangeliumsverkündigung aus → Freude | |
| 18b-26 |
„euphorische Gleichgültigkeit“ angesichts der bevorstehenden Todes: Paulus weiß nicht, ob er
wollen soll. |
|
| 27-30 | Mahnung zur Einheit im Geist | |
| 2,1-18 | Paränese: Paulus mahnt zu einem Christus gegenüber konsequenten Leben (Einmütigkeit, Demut, Gemeinschaftssinn), damit seine Freude vervollkommnet wird (2,5: „Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus entspricht.“) |
|
| 2,6-11 | Grundlegung I: Das Heilswerk Christi („Philipper-/Christushymnus“) | |
| 2,13 | Grundlegung II: Gott wirkt in den Christen „Wollen und Vollbringen“3 | |
| 2,19-30 | Aktuelles: Korrespondenz | |
| 19-24 | Paulus will Timotheus nach Philippi senden und später selbst kommen | |
| 25-30 | Epaphroditus war krank und kehrt nach Philippi zurück | |
| 3,1 – 4,9 | Paränesen angesichts von Gefahren | |
| 3,1; 4,4 | Mahnung zur Freude | |
| 3,2-3 | Gefahr I: falsche Lehre („Zerschneidung“) durch „böswillige Arbeiter“ → wahre Beschneidung ist Dienst im Geist und Selbstverständnis von Christus her | |
| 3,4-14 |
Paulus als Beispiel I: sein Glaubensleben
|
|
| 3,15-16 | Anwendung: konsequent vollkommen sein | |
| 3,17-21 | Paulus als Beispiel II angesichts von Gefahr II (falsche Gesinnung & falsches Verhalten): Paulus nachahmen anstatt „Feind des Kreuzes Christi“ zu sein | |
| 4,1-7 | Anwendung: konkrete Mahnungen & Schlusswunsch I | |
| 4,8-9 | Paulus als Beispiel III: allgemeines Beispiel, Mahnung zu „allem“ Guten, Schlusswunsch II | |
| 4,10-20 | Aktuelles: Dank für materielle Unterstützung aus Philippi | |
| 11-13 | Paulus lebt prinzipiell unabhängig von irdischen Dingen | |
| 14-18 | dass es Paulus wegen der Gaben aus Philippi gut geht, gefällt Gott und offenbart das Fruchtbringen der Philipper | |
| 19-20 | Segen & Doxologie | |
| 4,21-23 | Postskript | |
| 21-22 | Grußaufträge & Grußbestellungen | |
| 23 | „Charisformel“ | |
Thematischer Zugang / Gegenstand 
Hoffnung als Horizont der christlichen Existenz
- paradoxes Streben nach Vollkommenheit, „ob ich es ergreifen möge, weil ich ergriffen bin“ (3,12ff)
- „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“ (1,21) → euphorische Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Bedingungen
- Sterben = „bei Christus sein“ (1,23; Bürgerrecht im Himmel, 3,20) → Christussehnsucht tritt neben traditioneller Erwartung der Parusie (3,20; 4,5) bzw. des „Tages Christi“ (1,6.10; 2,16)
- Verwandlung des Leibes (3,21) bei der Totenauferstehung
Freude als Grundhaltung der Christen
Immer wieder kommt Paulus auf die Freude zu sprechen (3,1; 4,4; vgl. 1,4.18.25; 2,2.17.29; 4,1). Er ruft zur Freude auf oder teilt den Philippern mit, dass er sich freut…
- … trotz unlauterer Motive in der Evangeliumsverkündigung (1,18)
- … trotz der Gefahr, „geopfert“ zu werden (2,17)
- … trotz der Bedrohung durch Irrlehrer (Rahmung durch 3,1; 4,4)
Fazit: Die Freude der jungen, verfolgten Christen ist eine Freude trotzdem.
Paulus deutet sein eigenes Leben
3,6 wichtige Quelle: Stamm Benjamin, Pharisäer, Christenverfolgung, Gesetzeseifer
- was ihm früher wichtig war, erachtet er jetzt für Dreck, um „Christus zu gewinnen“ (3,8)
- selbst in seinem Leiden und seiner Gefangenschaft offenbaren sich Gottes Gnade und Treue (Kap. 1)
Systematischer Zugang 
Rechtfertigungslehre
Warnung vor Irrlehrern: Missionare („Arbeiter“), …
- die die Beschneidung fordern (3,2f),
- die „Feinde des Kreuzes Christi“ (3,18) genannt werden;
- „ihr Gott ist der Bauch“ (3,19: Speisegebote?)
→ Handelt es sich um Judenchristen?
→ Argumentiert Paulus vielleicht eher „prophylaktisch“ als mit Bezug auf eine aktuelles Problem?
Paulus könnte sich des „Fleisches“ (Beschneidung) und seines Gesetzeseifers rühmen; hat aber durch seine Christusbegegnung eine Umwertung der Werte erfahren: Gegen die Werte des „Fleisches“ setzt Paulus die Glaubensgerechtigkeit.
- „Gerechtigkeit kommt nicht aus dem Gesetz, sondern durch den Glauben an Christus; die Gerechtigkeit aus Gott aufgrund des Glaubens“ (3,9)
Ethik
Vorsatz: Christen als Lichter in der Welt inmitten einer verdorbenen Geschlechts (2,15)
Forderungen:
- Einheit dadurch, dass die Gesinnung und die Motivation zu Liebestaten von dem einen Christus kommt und deswegen „dieselbe“ Liebe und Gesinnung ist (2,2)
- Orientierung am Nutzen für die Gemeinschaft: „ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient“ (2,4)
- Demut statt Ehrgeiz: „in Demut achte einer den andern höher als sich selbst“ (2,3)
Vorbilder: Paulus (3,3.17; 4,9), „bürgerliche Ethik“ (4,8)
Vergewisserung: Gott schafft Wollen und Vollbringen (2,13)
Rezeptionsgeschichte 
Der Christushymnus (2,6-11) – die wahrscheinlich meist-rezipierte Perikope des Philipperbriefs
Paulus bindet in seine Paränese einen Christushymnus aus der Tradition ein und macht damit das Christusgeschehen zur Grundlage seiner Paränesen: Eine Gesinnung „entsprechend der Gemeinschaft in Christus“ ist gefragt (2,5).
- Gottgleicher
- Inkarnation in Knechtsgestalt
- Erniedrigung und Gehorsam bis Kreuzestod
- von Gott erhöht → Name über allen Namen
- Christusbekenntnis zur Ehre Gottes
Dabei meint Paulus mit „Christus entsprechend“ nicht, dass Christus Vorbild ist und die Philipper ihn nachahmen sollen (das Christusereignis ist einzigartig!), sondern der Apostel zielt auf ein verändertes Verhalten aufgrund des neuen Identitätsbezugs von Christus her (s. Gal!). Das bedeutet, sich so zu verhalten, wie man sich verhält,
- wenn man (gemeinsam mit anderen) in Gemeinschaft mit Christus lebt,
- wenn Christus also (genau wie bei anderen) die lebensbegründende Realität im eigenen Leben darstellt.
- Es bedeutet nicht, sich um ein Verhalten bemühen, das dem Verhalten des Christus gleich sein soll. Das zu tun, kann die Folge eines Lebens in Gemeinschaft mit Christus sein, es ist aber nie als Planvorgabe gemeint, sondern „nur“ ein konsequentes Verhalten.
- Ganz verkehrt wäre ein Verständnis der Wendung „entsprechend der Gemeinschaft in Christus gesinnt sein zu sollen“, wenn ein Verhalten angestrebt würde, das erst in Gemeinschaft mit Christus bringen soll.
… und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft …
Forschungsgeschichte 
Die Frage der literarischen Einheitlichkeit (literarische Integrität)
Seit dem 17. Jh. ist die literarische Einheitlichkeit des Philipperbriefs umstritten. Einzelhypothesen:
- Übergang 3,1/3,2 ziemlich abrupt; 4,4 schließt gut an 3,1 an → 3,2 – 4,3 als Warnung vor Irrlehrern selbständig?
- 4,7.9 = doppelter Schluss?
- 4,10-20: Warum dankt Paulus erst danach jetzt für Epaphroditus? → ursprünglich als Dankesschreiben für eine übersendete Gabe selbständig?
- offenbar Existenz mehrerer Briefe
– Philipperbrief des Polykarp 3,2: Paulus schrieb mehrere Briefe nach Philippi
– Phil 3,1.18
Die Teilungshypothesen sind aber nicht verständnisnotwendig; neuerdings wird eher die Einheit des Briefes vertreten.
Letzte Aktualisierung: 6. Juni 2014, Stephan Rehm.
- Besondere Betonung erfahren die Purpurhändlerin Lydia, die Magd mit Wahrsagegeist, die Gefängnisbefreiung durch ein Erdbeben und die Bekehrung des Kerkermeisters. ↩
- Geschlussfolgert aus den griechischen Namen der Gemeindemitglieder: Lydia (Act 16,14); Epaphroditus (Phil 2,25); Evodia & Syntyche (Phil 4,2); Klemens (Phil 4,3). ↩
- Christen leben deswegen in völliger Abhängigkeit von Gott (= in „Furcht und Zittern“, V. 12). ↩

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