Eckdaten (Zeit, Ort, Personen) 
Informationen aus dem Text
1. Timotheusbrief
- Paulus ist nach Makedonien gereist, Timotheus bleibt in Ephesus zurück zur Ketzerbekämpfung (1Tim 1,3)
- ABER: als Paulus von Ephesus nach Mazedonien reiste, reiste Timotheus voraus (Apg 20,1.4; 2Kor 2,13; 7,5ff)
Titusbrief
- Titus bleibt auf Kreta zurück, um Unerledigtes zu ordnen und Älteste einzusetzen (Tit 1,5); soll dann zu Paulus nach Nikopolis (Tit 3,12; Westküste der Achaia) reisen
- ABER: Paulus als Gefangener hatte nur kurzen Aufenthalt auf Kreta (Apg 27,7); keine Berichte über Missionstätigkeit; dass Paulus in Nikopolis war, ist nicht bekannt
2. Timotheusbrief
- Paulus in Rom gefangen (Apg 28,30f), von allen außer Lukas verlassen (2Tim 4,11); erwartet Tod (2Tim 4,6.18)
- ABER: Apg erzählt nichts von der Verlassenheit des Paulus, sondern spricht von einer zweijährigen, ungehinderten Mission in Rom
Erkenntnis: Situationen lassen sich in uns bekannter Paulus-Vita nicht unterbringen. → Lösungsversuch: Spanienmission?, 2. römische Gefangenschaft?
- Theorie der Spanienreise erst bei Euseb bezeugt; Röm 15,24.28 berichtet nur vom Vorhaben einer Spanienreise
Fazit: Der Autor hat bekannte Situationen aus dem Leben des Paulus aufgenommen und verfremdet.
„Paulus“ (Wer?, Wann? & Wo?)
Zahlreiche innere (1-6) und äußere (7) Gründe sprechen gegen eine paulinische Verfasserschaft:
- Situationen lassen sich nicht in Paulus-Biographie einordnen (s. o.).
- Die Paulusbegleiter Timotheus & Titus müssten wohl nicht in christologische Basics eingeführt werden (1Tim 3,16).
- Sprache & Stil sind völlig anders als in „echten“ Paulusbriefen (gehobene Sprache auf Höhe der Zeit; Gebrauch von Worten aus dem Kontext des Herrscherkults! → Übersetzung der Christusbotschaft in die hellenistische Welt).
- Theologie und Frömmigkeit anders als bei Paulus (s. u.).
- Gemeindeordnung: nicht mehr Hausgemeinde (Paulus), sondern Ortsgemeinde, nach dem Modell „Haus“ aufgebaut.
- Falschlehrerbekämpfung: keine theologische Auseinandersetzung (Paulus), nur Abgrenzung.
- Schlechte Äußere Bezeugung: Past fehlen in Markions Kanon (um 140) und P46 (Anfang 3. Jh.); sicher bezeugt erst bei Irenäus (180) und im Canon Muratori (200).
Deshalb wird eine paulinische Verfasserschaft kaum noch vertreten; wenn, dann meist als Sekretärshypothese (ein Sekretär schrieb Past im Auftrag des Paulus) oder als Fragmententheorie (Teile der Past von stammen von Paulus).
Fazit: Der Autor war vermutlich ein gebildeter hellenistischer Christ, der in paulinischer Tradition steht, evtl. ein Angehöriger der in Ephesus ansässigen Paulusschule?
- Autor kannte Paulusbriefe, zumindest Röm und 1/2Kor
- Aufnahme von Ämterspiegeln, Haustafeln, Lasterkatalogen …
- Christologische Formeln u.a. liturgische Stücke (z. B. in 1Tim 3,16; 2,5f; Tit 2,14)
Fazit: verfasst Anfang des 2. Jh. in Kleinasien? (evtl. im Zusammenhang mit der Herausgabe einer Paulus-Briefsammlung?)
„Timotheus“ & „Titus“
Timotheus
- Sohn eines Heidenchristen und einer Judenchristin (Apg 16,3f; Eunike 2Tim 1,5)
- begleitet Paulus (2. Missionsreise, Kollektenreise nach Jerusalem) und reist im Auftrag des Paulus (1Thess 3,2ff; 1Kor 4,17; 10,10; Phil 2,19.23)
- in Präskripten von 1Thess, 2Kor, Phil, Phlm (2Thess, Kol); grüßt im Röm (vgl. Hebr 13,23)
Titus
- Heidenchrist → „Präzedenzfall“ bei Apostelkonvent: keine Beschneidung (Gal 2,3)
- Sammlung der Kollekte, Vermittler zwischen Paulus und korinthischer Gemeinde
- bekannt nur aus Gal und 2Kor, kommt in Apg interessanterweise nicht vor
Erkenntnis: Timotheus und Titus sind zwei wichtige Mitarbeiter des Paulus, kommen aber hier nicht als Privatpersonen, sondern als Beauftragte des Paulus in den Blick.
Fazit: Angesprochen wird somit (evtl. im Zuge der Herausgabe einer Paulusbriefsammlung incl. Corpus Pastorale) die gesamte Kirche.
- Die angesprochenen Gemeinden haben inzwischen auch Angehörige der Oberschicht als Mitglieder
- Warnung vor Geldgier & Mahnungen an Reiche (1Tim 6,3-10.17-19)
- Stellungnahme zum Frauenschmuck (1Tim 2,9-10)
- Mahnungen an Sklaven von christlichen Herren (1Tim 6,1-2)
Linearer Zugang / Aufbau 
Die Zoomstufen-2-Übersichten zum Aufbau der Pastoralbriefe finden Sie für den 1. Timotheusbrief hier, für den 2. Timotheusbrief hier, für den Titusbrief hier.
Thematischer Zugang 
„Übersetzung“ der Christusbotschaft in die hellenistische Welt
Die Pastoralbriefe wenden Begriffe aus dem hellenistischen Herrscherkult auf Gott und Christus an, z. B.
- Christus als σωτήρ (Soter = Retter, Erlöser: 2Tim 1,10 u.ö.)
-
Heilsgeschehen als ἐπιφανεία (Epiphaneia = Erscheinung)
- Epiphaneia Christi (2Tim 1,10 u. a.)
- Epiphaneia des Heils (Tit 2,11)
- Wiederkunft Christi (1Tim 6,14 u. a.)
In der Wahl der zentralen Begriffe vollzieht sich eine Akzentverschiebung gegenüber der paulinischen Theologie: Es erfolgt eine Umprägung des Evangeliums durch „Inkulturation“.
- παραθήκη (Paratheke = Vermächtnis, anvertrautes Gut):
- statt aktueller theologischer Entfaltung (Paulus) → Bewahrung des von Paulus Anvertrauten
- Diskussionen führen die Ketzer (2Tim 2,14ff u.ö.) → nicht Entfaltung, sondern Einübung des Überlieferten
- διδασκαλία (Lehre, im CP oft als „gesunde, heilsame Lehre“)
- statt Betonung der Torheit der Kreuzespredigt (Paulus) → christliche Lehre ist vernünftig
- εὐσέβεια (Frömmigkeit)
- statt Pistis als gottgeschenktes Vertrauen (Paulus) → Frömmigkeitspflege, Inhalt des Glaubens (Lehre!), Glaube & Tugenden
- Rechtfertigungslehre (Tit 3,5; 2Tim 1,9f) und Forderung guter Werke (1Tim 2,10; Tit 2,14) stehen nebeneinander
Die Irrlehrer in den Pastoralbriefen
1Tim 6,20: „die fälschlich so genannte Gnosis (Erkenntnis)“ → früher Gnostizismus?
- was ihnen vorgeworfen wird:
- mythologische Spekulationen
- „Ahnenreihen“ von Engeln und Äonen (Zeitaltern): „endlose Mythen und Genealogien“ (1Tim 1,4)
- „gottlose und altweibermäßige Mythen“ (1Tim 4,7; vgl. 2Tim 4,4)
- „törichte Streitigkeiten und Genealogien“ (Tit 3,9)
- Enthusiasmus
- glauben, Gott zu kennen, verhalten sich aber nicht so (Tit 1,16)
- „aufgeblasen“ (1Tim 6,3f; 2Tim 3,4)
- Auferstehung sei schon geschehen (2Tim 2,18)
- asketische Tendenzen, Weltflucht
- Eheverbot, Speiseverbote (1Tim 4,3)
- → CP betont demgegenüber Schöpfungstheologie und Wert der Ehe!
- jüdischer Herkunft?
- Tit 1,10.14 („Freche aus den Juden“) könnten darauf hinweisen
- Reinheitsproblematik in Tit 1,15
- Gegner argumentieren mit AT (1Tim 1,7ff!; Tit 3,9)
- → möglich, aber fraglich
2Tim: Ankündigung von Irrlehrern für die letzten Zeiten
- Topos auch in den Johannesbriefen, Jud, 2Petr, in den „echten“ Paulusbriefen nicht!
- aber auch im 2Tim meist als gegenwärtige Realität behandelt → Endzeitperspektive liegt wohl auch am Testamentscharakter
Was hilft gegen Irrlehrer?
- „gesunde Lehre“ (s.o.: didaskalia) als Gegensatz zur Lehre von „Kranken“ (1Tim 6,3f).
- ethische Unterweisung/Anregung zu guten Werken/moralische Orientierung
- Kirchenordnung, die sich in bestimmten Ämtern konkretisiert
Systematischer Zugang 
Zur Ekklesiologie der Pastoralbriefe: Die Ämterlehre
Vor allem 1Tim und Tit bieten haustafelartige Pflichtenlehren für kirchliche Amtsträger:
- Bischöfe (1Tim 3; Tit 1)
- Aufsichts- und Leitungsamt
- „Haushalter“ Gottes
- Lehre!
- Diakone (1Tim 3): Pflichten nicht erschließbar (Lk, 2Kor: Eucharistie, Armenpflege)
- Presbyter/Älteste (1Tim 5; Tit 1), Presbyterium (1Tim 4,14)
- kollegial
- Aufgaben ≈ Bischof
- wurden entlohnt (1Tim 5,17f) → andere Amtsinhaber wohl auch
- Witwen (1Tim 5)
- karitative Aufgaben
Das Verhältnis der Ämter zueinander ist nicht ganz klar:
- Witwen sind wohl niedrigstes Amt
- Bischöfe und Diakone gehören wohl zusammen (vgl. Phil 1,1)
- Presbyteramt ähnelt sich dem Bischofsamt.
Vermutlich konkurrieren zwei Ordnungen: Die kollegiale Ordnung (Presbyterium) und ein bischofszentriertes Modell. Die Absicht dabei ist unklar: Sollen beide zusammengefügt oder angeglichen werden? Als „Konsens“ kann gelten:
- Amtsträger müssen moralisch und intellektuell für ihr Amt geeignet sein
- Amtsträger sind Hüter der apostolischen Lehre (Prinzip „Leitung durch Lehre“).
Die Autorität der Amtsträger lässt sich letztlich auf Paulus zurückführen:
- Übertragung der Amtsgnade durch Handauflegung (1Tim 4,14): Timotheus soll, was er von Paulus bekommen hat (2Tim 1,6), weitergeben (1Tim 5,22)
- Titus hat den Auftrag des Paulus, Presbyter einzusetzen (Tit 1,5)
Zusätzlich zur Ämterlehre existieren auch Anweisungen für übrige Gemeindeglieder:
- Haustafeln (Tit 2; vgl. 1Tim 5)
- Verhalten von Männern und Frauen im GD (1Tim 2f) → Rolle der Frau völlig anders als in Protopaulinen: Verbindung mit Irrlehrern? (1Tim 5,15; 2Tim 3,6 u.a.)
Fazit: Die Ämterlehre präsentiert sich als umfassende Ordnung der christlichen Gemeinde mit dem Vorbild ist Hausgemeinschaft (οἶκος).
Bedeutung 
Die Pastoralbriefe bezeugen: Das Christentum richtet sich in der Welt ein.
- Welt ist Schöpfung Gottes (1Tim 4,3-5)
- Welt ist Raum des Heilswirkens Gottes: Erscheinen Jesu Christi! (Tit 2,11; 3,4)
- Gottes Heilswille umfasst alle Menschen (1Tim 2,4: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“)
Letzte Aktualisierung: 18. Juni 2012, Stephan Rehm.