Die Johannesbriefe (Zoomstufe 2)

Eckdaten (Zeit, Ort, Personen) Icon „Eckdaten“

Der „johanneische Kreis“ und die „johanneische Schule“

Als „johanneischer Kreis“ wird ein Verband unabhängiger Gemeinden um Ephesus bezeichnet, der möglicherweise auf eine Gründerfigur („der Alte“[?]; 2Joh 1; 3Joh 1) zurückgeführt werden kann. Indem Wanderprediger der johanneischen Schule für eine gewisse Vernetzung zwischen den Gemeinden sorgten, konnte sich eine eigene Sprache („Soziolekt“) und auch eine eigene Theologie innerhalb des frühen Christentums herausbilden:

  • Selbstverständnis: Kinder Gottes(1Joh 3,1-2)
  • Zentrale Lehre: Einheit Vater/Sohn; Inkarnation des Sohnes; Gott/Welt-„Dualismus“
  • Zentrale Anliegen: Wahrheit/Stimmigkeit des Lebenswandels/des Glaubens, Geschwisterliebe (Joh 13,34-35; 1Joh 4,7-10)

Historisch in Erscheinung getreten ist der johanneische Kreis durch die johanneischen Schriften (Johannesevangelium; 3 Johannesbriefe).

In welcher Reihenfolge die Schriften entstanden sind, ist schwer zu rekonstruieren:

Modell I („Verkirchlichung“ der Gedanken) Evangelium → 1Joh → 2Joh → 3Joh
Modell II (Entwicklung und Entfaltung) 2Joh → 3Joh → 1Joh → Evangelium
  (Anfangsphase) (Weiterentwicklungen)

Historisch plausibel scheint zu sein, dass es innerhalb (!) des Kreises eine Spaltung (1Joh 2,19; 2Joh 9; 3Joh 9f; Joh 6,60-71) gegeben hat. Letztlich ist aber nicht zu erheben, ob alle Schriften vom gleichen Autor stammen, oder ob mehrere Verfasser anzunehmen sind.

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Eckdaten zu 1Joh

  • Wer? – anonym
    → ein aus dem Brief nicht identifizierbarer Angehöriger des johanneischen Kreises
  • Wem? – kein Adressat namentlich benannt (kein brieflicher Rahmen[!]), aber:
    allgemeine Anrede „Kinder“ (2,1) bzw. „Geliebte“ (3,2)
  • Wann?/Wo?um 100 (weitgehend Konsens) in Ephesus (altkirchliche Tradition)

Eckdaten zu 2Joh

  • Wer? – „Presbyteros“ („der Alte“, Würdename)
    → der bei Papias bezeugte „Alte Johannes“?
    → der Zebedaide und Jünger „Johannes“?
  • Wem? – „Herrin und ihre Kinder“ (2Joh 1) = eine „Schwester“-Gemeinde der Gemeinde des Absenders (2Joh 13)
  • Wann/Wo? – s. 1Joh

Eckdaten zu 3Joh

  • Wer? – s. 2Joh
  • Wem? – „Gaius, der Liebe“ („Kind“ [3Joh 4] des Presbyteros [= von ihm bekehrt?])
  • Wann/Wo? – s. 1Joh

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Umstände Icon „Umstände“

Die Informationen über die Umstände der Adressaten werden per Rückschlussverfahren aus den Briefen erschlossen:

Gegner Strategie

1Joh: „Christusfeinde“, weil Vertreter doketischer Christologie

  • … haben die Gemeinde verlassen (2,19)
  • … leugnen, dass Jesus der Christus ist (2,22)
  • … leugnen Jesu Fleischwerdung (4,2f.5)

Aufstellung von Kriterien der Rechtgläubigkeit

  • Inkarnationschristologie (4,2)
  • Sühnetod Jesu zur Sühnung der Sünden
  • Betonung der eigenen Zeugenschaft, die auf Sinneswahrnehmung basiert (1,1-3)

2Joh: doketische „Ultrajohanneer“…

  • … leugnen Jesu Fleischwerdung
  • … gingen über die rechte Lehre hinaus“

jeglichen Kontakt zu Irrlehrern abbrechen

  • Gemeinde soll in „Lehre Christi“ bleiben

3Joh: Diotrephes (D)

  • … nimmt „Alten“ und Missionare nicht auf
  • … redet schlecht über den „Alten“
  • … wer die Leute des „Alten“ aufnimmt, wird aus der Gemeinde ausgeschlossen!

„Alter“ wendet sich an Gaius,
Hintergrund unklar und umstritten:

  • D = autoritärer Bischof, A = Wandercharismatiker?
  • D = rechtgläubig, A = Ketzer (oder andersrum)?
  • D = partikulare, A = universale Ekklesiologie?

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Ziel Icon „Ursache“

1Joh:

  • „ich schreibe euch, damit…“-Wendungen (1Joh 1,4; 5,13: „Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr ewiges Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt.“)

→ ein Vergewisserungsschreiben angesichts von Irrlehrern und Spaltungen

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Linearer Zugang / Aufbau Icon „Chronologie/Aufbau“

1. Johannesbrief

Ein linearer Durchgang durch den 1Joh erbringt etwa den unten stehenden, für eine Bibelkunde verhältnismäßig umfangreichen Ablauf.1

1,1-4 Prolog: das Verkünden des gesehenen „Wortes des Lebens“ (λόγος τῆς ζωῆς) soll Verbundenheit und Freude stiften
1,5 – 2,17 (Teil I): „Gott ist Licht“ (ὁ θεὸς φῶς ἐστιν)
Wandeln (περιπατεῖν) im Licht und in der Wahrheit (ἀλήθεια) – und nicht in der Finsternis (σκοτία)
1,5 – 2,2 „wandeln im Licht“ heißt erstens: existierende menschliche Sünde (ἁμαρτία) darf nicht abgestritten, sondern muss bekannt werden → Sündenvergebung durch Christus
2,3-6 (Brücken-)These: wahre Gotteserkenntnis wird daran erkannt, dass der Betreffende entsprechend den Geboten (ἐντολαί) wandelt
2,7-11 „wandeln im Licht“ heißt zweitens: die Geschwister zu lieben (ἀγαπᾶν) – das ist altes und neues Gebot –, und sie nicht zu hassen (μισεῖν)
2,12-14 Vergewisserung: „ich schreibe/schrieb euch, Kinder…, Väter…, junge Männer (je zweimal, das zweite mal in der Vergangenheit), weil Sündenvergebung, Gotteserkenntnis, Überwindung des Bösen schon geschehen ist
2,15-17 Paränese: „Liebt nicht die Welt!“ (Μὴ ἀγαπᾶτε τὸν κόσμον), denn die Welt vergeht
2,18 – 4,6 (Teil II): „es ist die letzte Stunde“ (ἐσχάτη ὥρα ἐστίν)
→ Warnung vor Irrlehren, Ermahnungen & Vergewisserungen
2,18-23 Situationsanalyse: Christusfeinde (ἀντίχριστοι) lügen, indem sie leugnen, daß Jesus der Christus ist (22) – wahre Christen dagegen kennen die Wahrheit durch eine lehrhafte Salbung (20.27)
2,24 – 3,3 Paraklese: „Bleibt in ihm (in Christus)!“ (μένετε ἐν αὐτῷ) → Unerschrockenheit & Gottesschau bei der eschatologischen Offenbarwerdung Christi und der Gotteskinder (τὰ τέκνα τοῦ θεοῦ)
3,4-10 zwei korrelierende Thesen:
1. Gotteskinder sind aus Gott gezeugt (γεγεννημένος ἐκ τοῦ θεοῦ) und bleiben in Christus → sündigen ist unmöglich
2: Teufelskinder (τὰ τέκνα τοῦ διαβόλου) sind aus dem Teufel → Tun der Sünde, keine Geschwisterliebe, kein gerechtes Handeln
3,11-15.
16-17.
18-24
Konkretisierungen:
1. an der Geschwisterliebe (nicht wie Kain! [12]) ist zu erkennen, dass man mit Gewissheit ewiges Leben (ζωὴν αἰώνιον) hat
2. Ausdrucksmöglichkeiten der Geschwisterliebe: Lebenshingabe & Freigebigkeit
3. Lebensmöglichkeiten derer, die die Geschwister lieben & die Gebote halten: Ruhe im Herzen durch Gottes Größe & Empfang des Erbetenen
4,1-6 Paränese: „Prüft die Geister!“ (δοκιμάζετε τὰ πνεύματα) – Kriterium: Bekenntnis zu Jesus als Christus
4,7-21 (Teil III): „Gott ist Liebe“ (ὁ θεὸς ἀγάπη ἐστίν)
→ Möglichkeit & Notwendigkeit der Liebe ( Gott hat aus Liebe seinen Sohn gesandt; so ist Geschwisterliebe die Folge der Liebe Gottes)
4,12 Zusatzaspekt: Geschwisterliebe als Vergewisserung über die Existenz Gottes („Niemand hat Gott jemals gesehen.“)
4,18 Zusatzaspekt: Liebe & Furcht schließen sich aus
5,1-12 (Teil IV): „was aus Gott gezeugt ist, überwindet die Welt“
→ Möglichkeit & Notwendigkeit des Glaubens (ἡ πίστις)
5,1-5 Klärungen:
Glaube ist aus Gott gezeugt (Grund)
Glaube überwindet die Welt (Zweck)
Glaube besteht darin, anzuerkennen, dass Jesus der Christus ist (Inhalt)
5,6-12 Anwendung: Gottes Zeugnis für Christus durch Wasser, Blut & Geist fordert zur (persönlichen) Stellungnahme heraus
5,13 (Schluss) erinnert an Joh 20,31
5,14-21: Schlussbemerkungen
5,14-15 Gebet und Gebetserhörung (Ergänzung?)
5,16-17 Sünde zum Tod / nicht zum Tod (Ergänzung?)
5,18-20 dreimaliges „Wir wissen…“ (Ergänzung?)
5,21 Warnung vor Götzen (εἴδωλα) – singulär in der johanneischen Schriftengruppe)

2. Johannesbrief

Der 2. Johannesbrief ist ein Gemeindebrief mit Formmerkmalen eines hellenistischen Bittbriefes.

1-3 Präskript: „Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder…“
4 Proömium: Freude über die, die in der Wahrheit leben
5-6 Liebesgebot
7-11 Anweisungen zum Umgang mit Irrlehrern
12-13 Briefschluß: Besuchsankündigung und Gruß

3. Johannesbrief

Der 3. Johannesbrief ist ein privater Empfehlungsbrief.

1 Präskript: „Der Älteste an Gaius, den Lieben…“
2-4 Proömium: gute Wünsche; Freude über die, die in der Wahrheit leben
5-8 Lob der Gastfreundschaft des Gaius
9-10 Probleme mit Diotrephes
11-12 Empfehlung des Demetrius
13-15 Briefschluss: Besuchsankündigung und Gruß

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Thematischer & Systematischer Zugang Icon „Systematik“

Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass der lineare Ablauf des 1Joh zwar eine thematische Grundrichtung in der Argumentation abbilden kann (Licht, Liebe, Glaube als grundlegende Aspekte von Teil I, III, IV), dass diese Zuordnung aber die literarische Eigenart der Schrift nicht erfasst: Die Argumentation erschließt sich erst nach Entwirrung der Themen, die durch die ganze Schrift hindurch zyklisch verwoben sind. Erst nach einem Gesamtdurchgang kommen alle Nuancen der einzelnen Themenfelder in den Blick.

  • Bei der Darstellung der Themen wird durch mehrere Begriffe auf eine Sache gedeutet (z. B. der Entwurf eines dualistischen Weltbildes:
    Licht – Finsternis [1,5-6],
    Liebe – Hass/Tod/Furcht [3,14; 4,17f],
    Gerechtigkeit – Sünde [1,8-9],
    Ewigkeit – Welt [2,17],
    Glaube – Welt [5,4]
    Wahrheit – Lüge [2,21]).
    Wenn solche Begriffe sachlich Ähnliches bezeichnen und über das gesamte Schriftstück hinweg gebraucht werden, sind sie nicht zur Erstellung einer Gliederung zu gebrauchen.
  • Zudem wird begrifflich nicht klar präzisiert – Begriffe werden auf verschiedene Weise näher bestimmt, wobei sich die verschiedenen Begriffsbestimmungen ergänzen (z. B. die verschiedenen inhaltlichen Bestimmungen des Begriffs „Anfangsbotschaft“ in 1,5 und 3,11).
  • Der Autor gebraucht ein alternierendes Indikativ-Imperativ-Schema. (Aus-Gott-gezeugt-)Sein und Tun beispielsweise sind unmittelbar miteinander verbunden: Am Lebenswandel ist einerseits zu erkennen, ob jemand in Christus bleibt (2,6); andererseits erzeugt das Halten der Gebote im Lebenswandel erst die Gemeinschaft mit Gott, so dass Indikativ und Imperativ wechselseitig ineinander greifen. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass eine lineare Darstellung aufgrund des Gegenstandes nur begrenzt aussagekräftig ist. Eine netzwerkartige Darstellungsweise soll die Inhaltserschließung ergänzen.

Da die unscharfe, alternierende Diktion von heutigen Hörern schwer in Gänze verstanden wird, ist es wohl angemessener, die Hauptaussage nach Maßgabe heutiger Denkgewohnheiten zu formulieren, und dafür die begrifflichen Feinheiten nicht zu berücksichtigen (genauere Untersuchungen hätten ihren Platz in exegetischen Einzelanalysen). Dazu soll folgendes Schema dienen:
1Joh - vernetzte Systematik der Gedanken

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Bedeutung Icon „Bedeutung“

Kanonsgeschichte

Lange waren nur 1Joh und 2Joh kanonisch bekannt, 3Joh war wegen des privaten Charakters und des Inhalts nur schwer anerkannt.

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Rezeptionsgeschichte Icon „Rezeptionsgeschichte“

Das „Comma Johanneum“

Das CJ ist eine relativ alte Einfügung in (den lat. Text von) 1Joh 5,7f:

1Joh 5,7f (original) „Denn drei sind, die das bezeugen:
der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein.“
Comma Johanneum „Und drei sind, die da zeugen im Himmel:
der Vater, das Wort und der Geist; und die drei stimmen überein.
Und drei sind, die da zeugen auf der Erde
:
der Geist, das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein.“

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Letzte Aktualisierung: 13. April 2012, Stephan Rehm.

  1. Der größere Umfang (entspricht einer detaillierten Zoomstufe 2) ist notwendig, wenn man aus der Aufschlüsselung den Gedankengang der Schrift nachvollziehen können soll. Insofern dient die genauere Aufschlüsselung zur exegetischen Weiterarbeit. Für die Bibelkunde muss das Kleingedruckte nicht gelernt werden.

22 Antworten auf Die Johannesbriefe (Zoomstufe 2)

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