Einführung
Das wissenschaftliche Problem, welches unter der Fragestellung nach dem „historischen Jesus“ behandelt wird, liegt schon in der Formulierung „Jesus Christus“.
- Jesus: ein Mann des beginnenden 1. Jh.s aus Nazareth/Galiläa, Wanderprediger, Weisheitslehrer, Wundertäter, versteht sich selbst als Menschensohn
- Christus (= Messias): „Gesalbter“, erwarteter und erhoffter Retter; der Auferstandene, der Kommende
Beide Bestandteile der Formulierung bringen je eine Fragerichtung zum Ausdruck, aufgrund derer man sich der Person „Jesus Christus“ nähern kann:
- Die Forschungsfrage nach dem „historischen Jesus“ ist an der Identität, am Tun und Ergehen des Menschen Jesus, der Christus genannt wird, interessiert. Man versucht, diese Frage zu beantworten, indem man nach den methodischen Vorgaben der historischen Forschung Quellen auswertet, um Identität, Tun und Ergehen – mit begrenztem Erfolg – zu rekonstruieren.
- Die Forschungsfrage nach dem „kerygmatischen (verkündigten) Christus“ versucht im Rahmen der Theologie des Neuen Testaments nachzuvollziehen, wie Menschen an Jesus Christus als Heilsbringer geglaubt haben. Das Attribut „Heilsbringer“ impliziert einen persönlichen Anspruch, dem eine Auseinandersetzung mit nur historischem Interesse nicht genügen würde. Deshalb möchte man im Rahmen der noch immer stattfindenden Verkündigung die Forschungsergebnisse dieser Fragerichtung nutzen, um die Art und Weise des Glaubens heute zeitgemäß auszudrücken.
Beide Fragerichtungen schließen sich aufgrund ihrer verschiedenen Interessen gegenseitig aus. Problematisch daran ist, dass die Evangelien als Hauptquellen für die historische Forschungsfrage nicht als Antworten auf diese Frage geschrieben sind, sondern im kerygmatischen Interesse verfasst wurden; die Evangelien wollen Glauben wecken, nicht in erster Linie historisch informieren.
Deswegen muss die historische Forschung …
- zum Ersten weitere Quellen über Jesus suchen und auswerten
- und zum Zweiten Kriterien entwickeln und überprüfen, anhand derer entschieden werden kann, welcher Evangelienstoff wahrscheinlich auf den historischen Jesus zurückgeht, und welche Teile der Evangelien als Illustrationen urchristlicher Theologen im Interesse des Glaubens anzusehen sind.
Zur Quellenlage
Es lassen sich christliche, jüdische & römische Quellen unterscheiden.
Christliche Quellen
- Bestand
- Evangelien (kanonisch und nichtkanonisch)
- Paulus
- „Agrapha“
- unterschiedlich entfaltet: narrativ, argumentativ, liturgisch, bekennend…
- historiographisches Interesse zweitrangig; wichtiger: Heilsbotschaft, Ruf zum Glauben → berichten von Jesus Christus als Gegenstand des Glaubens
Jüdische Quellen
- Bestand rekrutiert sich vor allem aus den Antiquitates („Jüdische Altertümer“) des Josephus
- Jos Ant 18,63f („Testimonium Flavianum“): Taten und Lehre; Jude, zog auch Heiden an → wahrscheinlich christlich überarbeitet
- Jos Ant 20,200: Steinigung des Jakobus, des Bruders Jesu, der Christus genannt wird → Jesus war im palästinischen Judentum dieser Zeit bekannt, auch als „Gesalbter“
Römische Quellen
- Sueton, Vita Claudii 25: Chrestus (wirksam unter röm. Juden?) hetzte Juden auf → Verbannung römischer Judenchristen durch Claudius (vgl. Act 18,2)
- Tacitus, Annalen 15,44: Christus unter Tiberius auf Veranlassung von Pontius Pilatus hingerichtet
Welche Evangelienstoffe gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die historische Person Jesus von Nazareth zurück?
Methoden zur Findung authentischen Materials
- Wenn ein Traditionsstück in mehreren voneinander unabhängigen Jesusüberlieferungen in der gleichen Weise vorkommt, steigt die Wahrscheinlichkeit für seine Historizität.
- Alles, was urchristlichen Tendenzen zur Verehrung Christi widerspricht, kann historisch sein.
Methoden zur Überprüfung der mutmaßlichen Authentizität
- Nach dem Kriterium der Wirkungsplausibilität ist echt, was sich als Auswirkung des historischen Jesus besser erklären lässt als durch andere Faktoren.
- Nach dem Kriterium der Kontextplausibilität, was sich als individuelle Erscheinung in die damalige jüdische Geschichte einordnen lässt.
Geschichte der historischen Jesusforschung und heutige Forschungslage
Konsens: An der geschichtlichen Existenz Jesu wird nicht mehr gezweifelt. Im 19./20. Jh. hatte man dies im Kontext unterschiedlicher Interessen bestritten:
- radikale Bibelkritik: Bruno Bauer, Christus und die Cäsaren (1877)
- religionsgeschichtliche Mythenforschung: Artur Drews, Die Christusmythe (1909)
- sozialgeschichtliches Interesse: Karl Kautsky, Der Ursprung des Christentums (1908)
- ideologische Kritik / sowjetische „Atheismusforschung“: I. Kryweljow, Christus: Mythos oder Wirklichkeit? (1986)
Dissens: Bis zu welchem Maße lassen sich biographische Details ermitteln?
Seit der Aufklärung prüft die „Leben Jesu“-Forschung die Evangelien am Vernunftprinzip daraufhin, welcher Evangelienstoff jesuanisch ist.
- „Die alte Frage“ (1778-1906): radikalkritisch, rationalistisch, romanhaft → Jesus als Lehrer von Sittlichkeit und Nächstenliebe
- Beginn mit Hermann Samuel Reimarus (1778 posthum veröffentlicht von Lessing)
- Höhepunkt mit David Friedrich Strauß: Evangelien als Mythen (christliche Ideen in Geschichtsform), Jesusworte aber zuverlässig
- Ende mit Albert Schweitzer (1906: Geschichte der Leben Jesu-Forschung): die Forscher der alten Frage projizieren ihre persönlichen Ideale auf Jesus; Jesus als Apokalyptiker
- „Die neue Rückfrage“ im Kreis der Bultmann-Schüler (ab 1953) → welche Bedeutung hat das Leben Jesu für den christlichen Glauben?
- Rudolf Bultmann: historischer Jesus ist irrelevant; christlicher Glaube beginnt mit Kreuz und Auferstehung
- Ernst Käsemann, Günther Bornkamm u.a.: Pendelschlag → neue Suche nach Kontinuität (Jesus / Kreuz-Auferstehung / Gemeinde…)
- „The third quest“ v.a. in der englischsprachigen Forschung (ab ca. 1980): Jesus im Kontext seiner Zeit
- englischsprachige Forscher: Ed Parish Sanders, Geza Vermes, John Dominic Crossan u.a.
- deutschsprachige Forscher: Gerd Theißen / Annette Merz, Der historische Jesus, Göttingen 32001 (bes. § 1, S. 21-33)
Aktuelles
Gemäß der derzeit aktuellen Ergebnisse der historischen Jesusforschung, wäre Identität, Tun und Ergehen des Jesus von Nazaret wie in folgender Grafik zu beschreiben:
Letzte Aktualisierung: 23. Juli 2013, Stephan Rehm.
