Eckdaten (Zeit, Ort, Personen) 
Galatien
Galatai = Keltai: Galater sind Keltenstämme!
- kamen zwischen -300 und -200 als Söldner nach Kleinasien
→ Raubzüge nach Thronstreitigkeiten
→ sesshaft in phrygischer Hochebene - -189: romtreu nach schwerer Niederlage gegen Rom
→ -166 vom Senat für autonom erklärt - -25: römische PROVINZ nach Tod des letzten galatischen Königs (mit den Landschaften Pisidien, Lykaonien u.a.)
Darum: Provinz- vs. Landschaftshypothese: Schreibt Paulus an Bewohner der PROVINZ (rot) oder der Landschaft (grün)?
- Bewohner der Provinz: Judenchristen / Städter → südgalatische These
- Bewohner der Landschaft: Heidenchristen / Dörfler → nordgalatische These

Provinz- vs. Landschaftshypothese
Paulus, „Apostel NICHT von Menschen“
- um 32: Berufung des Paulus vor Damaskus
- um 54: Paulus blickt auf sein Leben zurück. Er lebte …
| … vor der Berufung als ein hinsichtlich der Toraobservanz vorbildlicher Pharisäer (Gal 1,13-14; Phil 3,4-6) |
… nach der Berufung als ein Apostel, in dem Christus lebt (Gal 1,15-17; 2,19-20; Phil 3,7-14) |
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Umstände & Anlass

48: Apostelkonvent in Jerusalem
- Streitfrage war, ob heidnische Christusgläubige beschnitten werden müssen, damit sie das Heilswerk Jesu für sich in Anspruch nehmen können und gerettet werden.
- Paulus und Barnabas waren mit Petrus, Johannes und Jakobus, dem Herrenbruder, darüber übereingekommen, dass Heiden Christen werden können, ohne sich vorher beschneiden lassen zu müssen.
- Eine detailliertere Darstellung findet sich unter www.bibel-faq.net/apostelkonzil auf der Zoomstufe-2-Ausarbeitung zur Apg (klick!).
48: Antiochia-Zwischenfall
- Petrus hatte die Antiochenische Gemeinde besucht und hält Abendmahl mit den Heidenchristen.
- „Jakobusleute“ aus Jerusalem kommen hinzu; Petrus zieht sich aus der Tischgemeinschaft zurück, weil die Jakobusleute ihm sonst hätten vorwerfen können, er habe die jüdischen Speisevorschriften verletzt.
- Nach Meinung des Paulus verleugnet Petrus damit die Kraft des Evangeliums, die die Christen heidnischer Herkunft durch Christus genauso zu Geretteten macht wie die jüdischen Christen. Paulus greift Petrus öffentlich an. Für die urchristlichen Gemeinde ist dieser Apostelstreit ein Eklat.
Die galatischen Gemeinden
- Gemeindegründung 49 auf 2. Missionsreise (Apg 16,6)
- untypisches Missionsgebiet (keine größeren Städte)
- machte Paulus nur wegen Krankheit (4,13ff) Station?
- Gemeinde vorwiegend aus Heidenchristen (unbeschnitten; Anspielung auf Götzendienst in 4,8)
- Besuch 52/53 (umstritten!) auf 3. Missionsreise (Act 18,23)
- nach Weiterreise: Eindringen judenchristlicher Missionare
→ Anlass für den Galaterbrief, den Paulus wahrscheinlich 54 in Ephesus verfasst
Linearer Zugang / Aufbau 
| 1,1-5 | Präskript: „Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, …“ | |
| 1 – 5 |
Evangelium als Lehre (1,6 – 5,12) |
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| 1,6-10 | Vorwurf: die Galater lassen sich zu einem „anderen Evangelium“ abwenden; wer ein anderes Evangelium predigt (selbst wenn Paulus das täte! [1,7]), der sei verflucht! | |
| 1 – 2 |
kein Amt von Menschen (1,11 – 2,21)Biographisches |
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| 1,11-24 | Rückblick | |
| 1,11-12 | warum Paulus predigt: nicht, um Menschen zu gefallen, sondern als Knecht Gottes | |
| 1,13-14 | des Paulus früheres Leben im Judentum: verfolgte die „Gemeinde Gottes“, großer Gesetzeseifer | |
| 1,15-16 | des Paulus Berufung: von Mutterleib an ausgesondert (15: „Gott offenbarte seinen Sohn in mir“) → Berufung zur Evangeliumsverkündigung unter den Heiden | |
| 1,16-24 | Rechenschaft über selbständige Heidenmission | |
| 2,1-10 | Jerusalemreise mit Barnabas und Titus zum „Apostelkonvent“ | |
| 2,11-21 | Bericht über den „Antiochenischen Zwischenfall“ |
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| 2,15-21 |
Scharnierstück (2,15-21)zwischen situativem Teil und Lehrteil: Rechtfertigung in Kurzform1 |
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| 15 |
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| 16 |
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| 17 |
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| 18 |
15-17 (wir-Form) = theologischer Konsens; 18-21 (ich-Form) = theologische Argumentation des Paulus5 |
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| 19-206 | „ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe“ „ich bin mit Christus gekreuzigt“ „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes“ |
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| 21 |
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| 3 – 5 |
keine Gefälligkeit für Menschen (3,1 – 5,12)Entfaltung der Lehre von der Glaubensgerechtigkeit |
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| 3,1-14 | Lehrstück I: logischer Ansatz, „Glaube & Gesetz“ | |
| 3,1-5 | rhetorische Frage: Kommt der Heilige Geist aus Gesetzeswerken (also durch Toraobservanz) oder aus dem Hören (ἀκοή) des Glaubens? → erwartete Antwort: aus dem Glauben |
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| 3,6-12 |
Gegenüberstellung von Gesetz & Glaube mittels Schriftbeweis:
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| 3,13-14 Fazit | „Christus hat uns losgekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist.“ (3,13) → Christus ist „Medium“ für den geiststiftenden Glauben als Segen Abrahams | |
| 3,15 – 4,11 | Lehrstück II: heilsgeschichtlicher Ansatz, „Verheißung & Gesetz“ | |
| 3,15-18 | Verheißung für den Samen Abrahams (Gen 22,18: „Durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.“) war zuerst da → | |
| 3,19-24 | 430 Jahre später: Gesetz kommt dazu (um der Sünden willen) als „Zuchtmeister“ auf Christus hin → | |
| 3,25-27 | alle Getauften beziehen ihre Identität von Christus her Christus → | |
| 3,28-29 Fazit |
alle haben EINE Identität („nicht Jude noch Grieche…“; sondern in Christus „); alle sind Erben der abrahamitischen Verheißung |
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| 4,1-11 Anwendung |
„Jetzt habt ihr Gott erkannt […], wie wendet ihr euch wieder zu den schwachen und armseligen Elementen zurück?“ (4,9) | |
| 4,12-20 |
emotionales Zwischenstück I:
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| 4,21-31 |
Lehrstück III: typologischer Ansatz, „Abrahams Söhne als Typoi für Freiheit & Gesetz“
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| 5,1-6 |
Aufruf: „Freiheit statt Knechtschaft“
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| 5,7-12 |
emotionales Zwischenstück II:
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| 5 – 6 |
Evangelium als Verhalten (5,13 – 6,10)Aufruf zum rechten Gebrauch der Freiheit |
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| 5,13-25 |
Appelle: die Freiheit…
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| 6,1-10 |
Mahnungen:
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| 6,11-18 |
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Thematischer Zugang 
Paulusbiographie
| Bericht des Lukas in Apg | Autobiographische Angaben des Paulus in Gal |
| Berufung durch Lichtvision und Stimme (9,3ff) | Aussonderung ab Mutterleib, Berufung aus Gnade; „Gott offenbarte seinen Sohn in mir“ (1,15f) |
| die erste Zeit nach der Berufung | |
| einige Tage in Damaskus (9,19.23) | Arabienaufenthalt, danach längere Zeit in Damaskus |
| (einige Tage nach Bekehrung?) reist Paulus zu den Jüngern (9,26) nach Jerusalem (9,26ff) | Paulus berät sich nicht sofort mit Jüngern (1,16f betont); sondern Jerusalemreise erst 3 Jahre nach Bekehrung |
| geht bei Aposteln ein und aus (9,27f) | begegnet nur Petrus & Herrenbruder Jakobus (Aufenthalt nur 15 Tage; 1,18ff) |
| predigt in Jerusalem, streitet mit griechischen Juden (9,28f) | judäischen Gemeinden nicht persönlich bekannt (1,22ff) |
| Missionstätigkeit | |
| Cäsarea, Tarsus (9,30); ein Jahr Antiochia (11,26) | Syrien (1,21), |
| 1. Missionsreise (13-14): Zypern, Pamphylien, Pisidien, Lykaonien |
Kilikien (1,21); |
| „eine nicht geringe Zeit“ in Antiochia (14,28) | insgesamt 14 Jahre in der Gegend von Antiochia |
| Apostelkonvent in Jerusalem | |
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Beschneidungsfrage
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wegen Heidenmission, Beschneidung
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| Antiochenischer Zwischenfall | |
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Systematischer Zugang 
Entfaltung der Rechtfertigungslehre
Paulus entfaltet seine Rechtfertigungslehre im konkreten situativen Anlass: In der Auseinandersetzung mit judaisierenden Gegnern.
Hintergrund:
- Judenchristliche Missionare verkünden nach der Weiterreise des Paulus ein anderes Evangelium (1,6-9): Das Evangelium des Paulus treffe zwar zu, sei aber nicht genug. Welche zusätzlichen Forderungen die Gegner der Paulus genau stellten, kann nicht gesagt werden. Wir können nur aus der paulinischen Polemik rückschließen.
- Sicher ist aber, dass das Wirken der Missionare bei den Galatern den Eindruck hervorgerufen hat, man müsse sich als Heidenchrist beschneiden lassen (5,1-6). Die Beschneidung galt als äußeres Zeichen für toratreues Leben und bildete die Grundlage für ein Leben entsprechend dem Mosegesetz („).
- Wer der Tora entsprechend lebte, erwartete, sich eine Lebensgrundlage mit göttlicher Garantie zu schaffen (Lev 18,5). Das ist der traditionelle positive Beitrag der Toraobservanz zur Identitätskonstruktion bei einem gesetzestreuen Juden: Gott gibt aus Gnade das Gesetz, damit ich durch das Gesetz lebe.
- Ein negativer Beitrag der Toraobservanz zur Identitätskonstruktion bestand traditionell darin, dass sich ein gesetzestreuer Jude immer von den „Sündern heidnischer Herkunft“ (Gal 2,15) abgrenzen konnte: Indem man als Jude sagt, was man nicht ist (nämlich heidnischer Sünder), gewinnt man selbst ein positives Profil ganz ohne eigene Mühen. Problematisch daran ist, dass man dadurch nur eine Schein-Identität erreicht, die durch Abgrenzung von anderen aufgebaut wird: Sie besteht nicht in real vorhandenen, eigens erworbenen positiven Verhaltensweisen, sondern in der Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer.
- Offenbar wollten die Gegner des Paulus die galatischen Christen zu dieser Art der Identitätskonstruktion mit der ihr eigenen hohlen Plausibilität verführen, damit sie selbst Schüler gewonnen hätten, derer sie sich hätten „rühmen“7 können (4,17; 6,12-14).
Paulus antwortet darauf, indem er…
- … die heuchlerische8 Dimension dieses Verhaltens benennt und auf die Unmöglichkeit, das Gesetz zu halten, verweist, sowie
- … eine alternative Möglichkeit der Identitätskonstruktion von Christus her wieder (oder wieder neu) eröffnet: Gerechtigkeit aus Glauben / Leben im Glauben
| Streben nach Gerechtigkeit aus Toraobservanz („fleischlich“) | Zentraler Inhalt im jüdischen Bemühen um Identitätsbildung war das Streben nach „Gerechtigkeit“. Im Zustand der Gerechtigkeit befindet man sich, wenn man Gott und seinen Mitmenschen gerecht wird (Dtn 6,4; Lev 19,18). Probates Mittel dazu war die Toraobservanz, die Paulus selbst auch fleißig geübt hatte (1,14; Phil 3,4-6). Paulus fühlte sich dem seit der Offenbarung Christi in ihm (1,15) nicht mehr verpflichtet: Seitdem Christus zum Fluch geworden ist „für uns“ (3,13-14), und seitdem Christus sich in Paulus offenbart hat (1,12.16), wird nach seiner Sicht die Gerechtigkeit von Gott den Glaubenden als Geschenk durch den Glauben zugerechnet!9 auch Phil 3,9).] Dieses Prinzip der Identitätskonstruktion nennt Paulus geistlich, jenes fleischlich. |
| ↔ | |
| Gerechtigkeit aus Glauben in Christus („geistlich“) |
| Beschneidung als Ausdruck von Toraobservanz | Um das aus den Schriften zu beweisen, rekurriert Paulus auf Abraham, der auch aus Glauben gerecht wurde, und der – heilsgeschichtlich vor dem Gesetz gelegen – die größere Autorität beanspruchen konnte als Mose (3,15-24). Bleibendes Zeugnis für diese größere Autorität ist die Verheißung der Glaubensgerechtigkeit für die Heiden (Gen 12,1-3; 15,6), die sich nach Paulus in Christus erfüllt hat (3,16): Das Christusereignis rückt den Zentralbegriff der jüdischen Identitätsbildung, die Gerechtigkeit qua Toraobservanz/Beschneidung, aus dem Zentrum des menschlichen Strebens, und Gott kümmert sich um die Gerechtigkeit/Rechtfertigung des Menschen, die er den Glaubenden zurechnet wie einst dem Abraham. |
| ↔ | |
| Verheißung für den Glaubenden |
Die Leerstelle, die das fleischliche Streben nach Gerechtigkeit hinterlassen hat, nimmt Jesus als Person ein. Alle Getauften, mit Christus bekleidet (3,27-38), beziehen ihre Identität – wie die Mitglieder einer Clique ihre Identität von derjenigen/demjenigen beziehen, die/der das Sagen hat – aus der Zugehörigkeit zu Christus. Christus ist Orientierungspunkt und Quelle für das Leben in der neuen Identität geworden.
Damit vollzieht sich ein doppelter Perspektivwechsel, erstens in Hinsicht auf das Sein der Galater und zweitens in Hinsicht auf deren Verhalten: Wenn alle auf Christus Getauften „Gottes Kinder“ sind, und wenn Christus so das Sein der Galater bestimmt, so werden die bisher gültigen Unterscheidungen der konventionellen Identitätsbildung unwichtig: Männer müssen sich nicht von Frauen abgrenzen, Sklaven nicht von Freien, Beschnittene nicht von Unbeschnittenen; alle sind in Christus einer (3,28). Vor diesem Hintergrund ist es unerträglich, dass Petrus die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen in Antiochien aufgekündigt hat, weshalb ihm Paulus öffentlich widerspricht. Vor diesem Hintergrund ist es auch unerträglich für Paulus, dass die Galater nach dem althergebrachten Muster der Identitätsbildung „Zeiten, Jahre“ (4,10) beobachten und unter dem Gesetz sein wollen (4,21).
| Knechtschaft | Aufgrund dieses Perspektivwechsels ist es für Paulus aber auch absurd, aufgrund der geschenkten Gerechtigkeit ein selbstsüchtiges Verhalten zu pflegen, so als ob ich tun und lassen könnte, was ich will (absoluter Freiheitsbegriff). Vielmehr will Paulus tun und lassen, was Christus will: Vom Fluch der Toraobservanz hat Christus die Galater befreit („Freiheit wovon“), damit sie – wie Paulus (2,19-20) – „dem Christus leben“ („Freiheit wozu“ – zu tätiger Liebe, motiviert durch Hoffnung10; 5,5-6). Wer angesichts der neuen Möglichkeiten der Freiheit und der neuartigen Identitätsbildung durch Christus wieder zurückfällt in das alte Muster der Identitätsbildung durch toragetreues Verhalten und sich beschneiden lässt, dem „nützt Christus nichts“, sondern er gerät wieder in den Knechtsstatus und ist schuldig, das ganze Gesetz zu tun (2,18; 5,1-3). |
| ↔ | |
| Freiheit |
Wirkung 
Ob Paulus mit dem Brief Erfolg hatte, ist nicht bekannt.
| contra | pro |
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Letzte Aktualisierung: 20. Mai 2015, Stephan Rehm.
- Gal 2,15-21 enthält die Lehraussagen des kurz danach verfassten Römerbriefs in komprimierter Form. ↩
- 15: Paulus referenziert auf die jüdische Identität durch Abgrenzung (ausgefaltet in Röm 1,19-32) mittels gewissenhafter Toraobservanz (beim Antiochenischen Zwischenfall: Befolgen der Speisegebote. ↩
- 16: Ursache des Orientierungswechsels war für Paulus die prinzpielle Erkenntnis, dass niemand aus dem Gesetz bzw. aus eigenständiger Toraobservanz gerechtfertigt werden und leben kann, da alle Menschen von sich aus ohne Gott leben (ausgefaltet in Röm 2 – 3,20): Menschen werden nicht durch Gesetzeswerke gerechtfertigt, sondern durch Glauben an Jesus Christus (ausgefaltet in Röm 3,21 – 5). ↩
- 17: Nach Paulus werden Sünder durch den Glauben an Christus gerechtfertigt. Aufgrunddessen wurde der Vorwurf erhoben, Paulus mache Christus zu einem Diener von Sündern. Die Vorstellung, Christus sei somit Diener der Sünde, war sowohl für Paulus als auch für seine Gegner unerträglich (s. Röm 6,1-2). ↩
- 18: Paulus argumentiert wie folgt: Wer aus Glauben leben wollte und so das Gesetz abgebrochen hat, jetzt aber Toraobservanz fordert und somit das Gesetz als eigenständigen Weg des Menschen zu Gott wieder aufrichtet, fällt zurück und wird aufgrund der eigenständigen Toraobservanz zum Übertreter. Wer konsequent aus Glauben lebt, hat mit dem eigenständigen und deshalb sündigen Versuch des „fleischlichen“ Menschen, aus Toraobservanz vor Gott gerechtfertigt zu werden, nichts mehr zu tun; Christus ist kein Diener der Sünde (s. Röm 6,1-2)! ↩
- 19-20: „ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe“
- Im Sinne eigenständiger Toraobservanz würde man unter Berufung auf Lev 18,5 („Wer das Gesetz tut, wird dadurch leben.“) sagen: „Ich lebe (nach) dem Gesetz, damit ich (ewig mit) Gott lebe“.
- Paulus hat erkannt, dass Lev 18,5 für ihn negativ gilt: Nach den Kriterien der jüdischen Toraobservanz war er untadelig (Phil 3,6), aber er hat die Hauptforderung des Gesetzes (Lev 19,18: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“) missachtet, indem er die Christen verfolgte. Er hat also das Gesetz nicht gehalten; das Gesetz klagt ihn an; Paulus wird durch das Gesetz verurteilt. Das Gesetz wird zur Todesursache für Paulus als fleischlichen Menschen.
- Fazit: Das „fleischliche“ in Paulus muss sterben, damit Paulus als Person (mit) Gott leben kann. Wie genau das geht, sagt der zweite Teilvers:
„ich bin mit Christus gekreuzigt“
- Christus ist an der Sünde der Menschen (nicht an seiner Sünde) gestorben. Auch Paulus als sündigem, fleischlichem Menschen steht aufgrund der Verurteilung durch das Gesetz der Tod bevor. Gott aber hat Christus durch die Auferweckung als Herr über den Tod und die Sünde erwiesen. Da Christus jetzt lebt, kann Paulus sagen, der Tod Christi habe einen Mehrwert: Christus ist für unsere Sünden gestorben (20b; Gal 3,13; 2Kor 5,21); er ist „Sühneort“ für menschliche Sünde.
- Indem Paulus das für sich in Anspruch nimmt, entgeht er dem verurteilenden Rechtsanspruch des Gesetzes, denn er kann sagen: „Ich als fleischlicher Mensch bin mit Christus gekreuzigt.“ Der fleischliche Versuch, vor Gott gerechtfertigt zu werden, ist gescheitert, und der Aspekt im Leben des Paulus, der für das fleischliche Verhaltensprinzip steht, ist tot. Hinter dem Begriff „absterben“ steht die Vorstellung, dass man bestimmten Rechtsverhältnissen nur durch Tod entgehen kann. Eine unglückliche Ehefrau konnte nach jüdischem Recht dem Rechtsanspruch ihres nicht liebenden Ehemannes nur durch seinen oder ihren Tod entgehen. Daraus ergibt sich folgende Situation:
„nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes“
- Rechtmäßiges Subjekt des Lebens und Glaubens in Paulus ist Christus. In 1Kor 3,16 konkretisiert Paulus: Vermittelt durch Gottes Geist lebt Christus in einem glaubenden Menschen, so dass dieser Mensch zum Tempel Gottes wird.
- Trotzdem lebt Paulus noch als irdischer Mensch („im Fleisch“). Das heißt, der irdische Mensch ist anfällig für den fleischlichen Lebensstil. Jedoch: Selbst, wenn die Sünde Macht gewinnt über Gesinnung und Verhalten des irdischen Menschen, gilt doch: Seins- und rechtmäßig lebt Christus in Paulus; der fleischliche Mensch lebt nicht mehr; er ist tot. „Im Glauben an Christus leben“ bedeutet also, das Sein in Christus für die Gesinnung und das konkrete Verhalten bestimmend sein zu lassen, und sich nicht von neuerlichen Erfolgen der Sünde, die das „Fleisch“ kompromittiert, beeindrucken zu lassen.
- Auf den Punkt bringt es Phil 3,12: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“
- Die Grundfrage einer guten Lebensorientierung lautet nicht mehr: „Wie schaffe ich das?“, sondern „Wie schaffen wir das, Christus und ich?“ Grundprinzip eines Lebens aus Glauben an Christus ist: „Christus hat mich geliebt!“ Dies gilt nicht nur für Paulus, sondern für alle, in denen Christus wohnt: Paulus lebt mit den und für die Geliebten Gottes.
- „Rühmen“ interpretiere ich mit Hans-Joachim Eckstein als identitätskonstituierendes Handeln. Rühmen heißt, sich von etwas her zu verstehen: den eigenen Lebenssinn, bzw. das Lebensziel in dem zu sehen, wessen ich mich rühme, um dann Anerkennung von anderen zu ernten. So hätten sich die Widersacher des Paulus gerühmt, die Galater dem Paulus abspenstig gemacht und von ihrer Lehre überzeugt zu haben, so dass sie die besseren Lehrer mit einer plausibleren Lehre gewesen wären. ↩
- Die Heuchelei der Gegnerbesteht …
- natürlich zunächst darin, dass die Gegner Gesetzesobservanz fordern und sie selbst nicht halten (6,13), was ja auch unmöglich ist (3,10-11; 5,3).
- Beim Antiochenischen Zwischenfall erweist sich die aufgekündigte Tischgemeinschaft des Petrus mit den Heidenchristen vordergründig als Heuchelei im Sinn unseres Sprachgebrauchs: Petrus wollte sich seinen Ruf bei den Jerusalemer Judenchristen nicht verderben und verriet die Tischgemeinschaft mit den Heiden (2,11-13).
- Heuchelei im alttestamentlichen Sinn ist aber noch ein brisanterer Vorwurf: Er bedeutet die Verleugnung des EINEN Gottes. Beim Antiochenischen Zwischenfall verleugnete Petrus nach Paulus die Kraft Gottes in Christus, da er mit seinem Verhalten zwischen Kinder Gottes jüdischer Herkunft und Kindern Gottes heidnischer Herkunft unterschied – so, als ob das Heilswerk Christi bei den Heiden zu kurz gegriffen hätte. Daher kann man die Leidenschaft verstehen, durch die Paulus hier innerlich angetrieben wird. Die Frage, ob Toraobservanz für Christen verbindlich sei, ist für Paulus Prüfstein der Sinnhaftigkeit des ganzen Christusereignisses.
- Beachte die paradoxen Formulierungen: Gal 4,9 spricht den Galatern eine gewisse Aktivität beim Glauben zu, analog zur Aktivität, die bei der Toraobservanz gefordert ist. Eigentlich aktiv ist aber Gott (vgl. Phil 3,12; ganz eindeutig [„Gerechtigkeit AUS Gott“ ↩
- Hoffnung ist die Fähigkeit, vom Ende her zu denken. Wenn ich weiß, dass am Ende alles bestehen wird, was Gott in mir getan hat, wieso sollte ich da noch etwas ohne Gott tun wollen? ↩
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