Briefe in der Antike
Unterscheidung nach Gattungen
Die antiken Briefe können Ihrer Gattung nach als nichtliterarische Briefe, diplomatische Schreiben oder literarische Briefe unterschieden werden. Die Übergänge sind dabei fließend; es existieren viele Mischgattungen.
- Nichtliterarische Briefe sind Gebrauchsliteratur und dienen als Ersatz für mündliche Absprachen (Privatbrief, Empfehlungsschreiben). Sie sind also eher eine Verlegenheitslösung aufgrund des Missstandes, dass der Sachverhalt nicht mündlich geklärt werden kann. – Das wäre in der Regel wohl vorgezogen worden.
- Diplomatische Schreiben dagegen (mit königlichem oder kaiserlichem Absender) haben aufgrund ihres politischen Gewichts eine eigene Funktion (vgl. Est!).
- Literarische Briefe sind für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt, die Veröffentlichung war von vorneherein beabsichtigt.
Unterscheidung nach der Form der Überlieferung
Hinsichtlich der Frage, in welcher Gestalt und Kombination antike Briefe überliefert wurden, lässt sich wie folgt unterscheiden:
- Papyrusbriefe vor allem aus Ägypten (Quelle für Alltagsleben, unliterarisch, oft fragmentarisch),
- Philosophenbriefe als brieflich geformte Lehre (z.B. Epikurs Lehrbriefe, Seneca an Lucilius; teilweise literarisch) und
- Briefwechsel (z.B. der Briefwechsel zwischen Plinius d. J. und Kaiser Trajan vom Anfang des 2. Jh.s; unliterarisch)
Briefe in der Bibel
In der Bibel kommen Briefe an folgenden Stellen vor, wobei die Brieflichkeit nicht immer eindeutig nachzuweisen ist (Hebr ohne Briefanfang, 1Joh weder mit brieflichem Anfang noch Ende):
Altes Testament & Septuaginta (LXX)
- z.B. Jer 29 (an Exilierte in Babel)
- Briefverkehr in Esr & Est
- Zusätze zu Est
- 1/2Makk
- Baruch 1 (Exilierte nach Jerusalem)
- Lehrbrief EpJer (Bar 6)
Neues Testament
- von 27 Büchern sind 21 Briefe! (CP + Deuteropaulinen, Hebr, katholische Briefe, Johannesbriefe)
- Offb 2-3 (7 Sendschreiben)
- Apg 15,23-29 (Aposteldekret)
- Apg 23,26-60 (Lysias an Festus)
Paulusbriefe
Allgemeines
Die paulinischen Briefe waren ursprünglich unliterarische Hirtenbriefe, die Paulus an die Gemeinden sendete, weil er nicht persönlich anwesend sein konnte.
- Produktion: Meist schrieb ein Sekretär (z.B. Tertius [Röm 16,22]) den Brief nach Diktat auf Papyrus.
- Gelegentlich folgt ein eigenhändiger Gruß am Ende (1Kor 16,21; Gal 6,11; vgl. Kol 4,18; 2Thess 3,17).
- Zustellung: Damit ein Bote (z.B. Epaphroditus [Phil 2,25]) den Brief zustellen konnte,
- wurde der Papyrus gerollt, ein Sendungsvermerk draufgeschrieben (z. B. ἀπόδος Μαξίμῳ ἀπὸ Σεμπρωνίου ἀδελφοῦ – gibs’ ab an Maximus von Sempronius, seinem Bruder) und mit Siegel versehen.
Die paulinischen Briefe wurden in der Regel im Gottesdienst der Gemeinden verlesen:
- 1Thess 5,27: „Ich beschwöre euch bei dem Herrn, dass ihr diesen Brief lesen lasst vor allen Brüdern.“
- 1Kor 16,20-24: Überleitung zur Eingangsliturgie des Herrenmahles
Aufgrund des (wechselseitigen [vgl. Kol 4,16: Kolossä/Laodicea]) gottesdienstlichen Gebrauchs der Briefe und der apostolischen Autorität der Verfasser begann bald eine Sammlungs- und Kompositionstätigkeit.
- Bei Briefkompositionen (im NT 2Kor [urspr. 3-4 Briefe] und evtl. Phil [urspr. 3 Briefe]) wurden mehrere ursprünglich selbständige Schreiben einer Korrespondenz zu einem Brief verbunden, um zu bewahren, teilweise zu aktualisieren, oder die einzelnen Briefe für die gottesdienstliche Verlesung zu redigieren.
- Wenn Briefe gesammlt wurden (vgl. 2Petr 3,15f; 1Clem [Röm, 1/2 Kor]), so wurde ihnen eine gewisse literarische Qualität zugebilligt. Briefsammlungen umfassen normalerweise vor allem Philosophenbriefe; dass also das Corpus Paulinum als eine Briefsammlung ursprünglicher Gelegenheitsschreiben existiert, zeigt, dass sich die Paulusbriefe zwischenzeitlich zu „öffentlichen“, durch ihren Gebrauch literarischen Briefen entwickelt hatten. Nach mehreren Jahren wurden auch die Deuteropaulinen (vgl. Ign: Briefsammlung incl. Eph!) mit dem Corpus Paulinum verbunden. Bei diesem Redaktionsvorgang wurden die Briefe geordnet, wobei durch die gewählte Abfolge neue Zusammenhänge entstanden und geringfügige inhaltliche Angleichungen (z.B. 1Kor 14,33-36 als Zeugnis der nachpaulinischen Zeit, vgl. 1Tim 2,9-15) und verallgemeinernde Erweiterungen (1Kor 1,2: an die Gemeinde in Korinth … mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus anrufen) notwendig erschienen.
Fazit: Aus ursprünglich situationsbezogenen Schreiben entsteht eine literarische Größe.
Aufbauschema der Paulusbriefe
Briefeingang |
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| Präskript | superscriptio | Absenderangabe Selbstcharakterisierung Mitabsender |
| adscriptio | Adressatengemeinde Charakterisierung der Gemeinde Mitempfänger |
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| salutatio |
Grußformel
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| Proömium („Beziehungspflege I“) | ||
| Form: |
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| Inhalt: | Entwicklungsstand der Gemeinde | |
| Motive: | Danksagung, Fürbitte, Selbstempfehlung | |
| Funktion: | Förderung des „gesamtkirchlichen“ Bewusstseins, thematische Überleitung | |
Briefkorpus |
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| Lehrhafter Teil | Themen: |
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| Präsentation: |
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| Paränetischer Teil1 | Umsetzung der Verkündigung in christliche Alltagspraxis (Bezug zum Vorangegangenen lose) | |
Briefschluss |
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| Schlussparänese („Beziehungspflege II“) | ||
| Form: | Imperative in der 2. P. | |
| Inhalt: | persönliche Beziehung zur Gemeinde (→ meist aktueller als im paränetischen Teil!) | |
| Motive: | Bitte um Fürbitte, Bitte um Anerkennung der Leitungsämter, Segenswunsch, Reisepläne („apostolische Parusie“) | |
| Funktion: | Festigung des Kontakts | |
| Postskript | Grüße | Grußaufträge für Menschen bei den Adressaten Bestellung von Grüßen von Menschen beim Absender |
| Eschatokoll | Segenswunsch („Charisformel“: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch“) Unterschrift („Echtheitssiegel“) |
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| (darunter wohl ursprünglich Datierung → bei Veröffentlichung weggefallen?) | ||
Letzte Aktualisierung: 24. Mai 2013, Stephan Rehm.
- Paränese = allgemeine Ermahnung. ↩